Es gibt Rennwagen, die schnell waren. Und es gibt Rennwagen, die eine eigene Aura entwickelt haben. Der McLaren F1 GTR von 1997 gehört ohne Zweifel in die zweite Kategorie. In seiner Longtail-Ausführung wirkt er bis heute wie die radikale Zuspitzung einer ohnehin schon legendären Idee: ein kompromissloses Auto, geboren aus der Faszination für Leichtbau, Ausdauer, Aerodynamik und pure Fahrkunst. Genau dieses Exemplar, das Chassis 27R, erzählt eine Geschichte, wie sie nur der große Motorsport schreiben kann – mit Siegen, Rückschlägen, berühmten Fahrern, später Sorgfalt in der Restaurierung und jener seltenen Würde, die nur wirklich bedeutende Fahrzeuge ausstrahlen.
Besonders bemerkenswert ist seine Seltenheit. Von allen McLaren F1 GTR entstanden lediglich 28 Exemplare, davon nur 10 in der 1997er Longtail-Spezifikation. Chassis 27R war dabei der vorletzte gebaute Longtail. Geliefert wurde der Wagen an das Parabolica Motorsports Team des Londoner Finanzmanns David Morrison. Dieser besaß nicht nur ein Auge für außergewöhnliche Automobile, sondern bewegte sich auch in einer Sammlerwelt, in der ein McLaren F1 Straßenwagen und sogar ein F1 LM zum Umfeld gehörten. Dass er einen solchen Rennwagen in seine Sammlung aufnahm, unterstreicht die kulturelle und technische Bedeutung dieses Modells.
Wie der Longtail zur Ikone wurde

Der McLaren F1 war schon als Straßenauto ein Ausnahmefall. Vorgestellt wurde er Anfang der 1990er-Jahre mit seiner zentralen Fahrerposition, drei Sitzen und einem technischen Anspruch, der bis heute Maßstäbe setzt. Für den Rennsport entwickelte McLaren daraus den F1 GTR, und schon dessen Debütsaison 1995 geriet zur Machtdemonstration: 13 Rennen, 11 Siege, dazu der Gesamtsieg bei den 24 Stunden von Le Mans. 1996 blieb das Auto ebenfalls eine feste Größe im GT-Sport, doch die Konkurrenz wurde stärker, vor allem aerodynamisch und konzeptionell.
Die Antwort darauf war 1997 der Longtail. Die Karosserie wuchs um 65 Zentimeter in die Länge, der Abtrieb wurde erhöht, das Fahrzeug erhielt ein sequenzielles 6-Gang-Getriebe von X-trac und einen leicht kleineren 6,0-Liter-V12 von BMW. Dazu kam ein Kampfgewicht von rund 915 Kilogramm – etwa 135 Kilogramm weniger als beim F1 GTR der ersten Generation. Genau hier liegt einer der faszinierendsten Aspekte dieses Autos: der Longtail war kein bloßes Facelift, sondern eine präzise technische Zuspitzung. Er zeigt, wie kompromisslos Ingenieure auf die Anforderungen des Rennsports reagieren, wenn jede Kurve, jede Gerade und jede Boxenstrategie zählt.
Ein Debüt, das alles sagte

Chassis 27R trat 1997 zunächst in der markanten Lackierung von Parabolica an: gelb mit blauem Mittelstreifen, ganz ohne Sponsorenlogos. Allein diese Erscheinung verlieh dem Wagen einen fast aristokratischen Auftritt. Beim Debüt in Silverstone, am 6. April 1997 in der British GT Championship, zeigte der McLaren sofort, was in ihm steckte. Er qualifizierte sich mit rund 4,5 Sekunden Vorsprung auf die Konkurrenz und gewann das 50-Minuten-Rennen, indem er das gesamte Feld überrundete. Es war zugleich der erste Sieg eines Longtail-F1-GTR überhaupt.
Danach führte die Saison durch jene große Bühne, auf der Sportwagen Geschichte schreiben. Bei den 24 Stunden von Le Mans trat 27R für Team Lark in Pink und Grau an, mit Gary Ayles, Akihiko Nakaya und Keiichi Tsuchiya. Das Rennen endete nachts nach einem Zwischenfall am Tertre-Rouge-Kerb vorzeitig, doch auch solche Momente gehören zur Wahrheit großer Rennfahrzeuge. In der FIA-GT-Saison folgten starke Auftritte mit Top-6-Ergebnissen in Silverstone, auf dem Nürburgring und in Spa-Francorchamps. In Silverstone führte 27R sogar zwischenzeitlich das Rennen an – bis heute der einzige privat eingesetzte Longtail, dem das in einem FIA-GT-Lauf gelang.
Rennjahre, Brüche und ein zweites Leben

Zu den Fahrern dieses McLaren gehörten neben Gary Ayles und Chris Goodwin auch der ehemalige Formel-1-Pilot Stefan Johansson. Das allein zeigt, in welcher Liga sich dieser Wagen bewegte. Nicht jedes Wochenende brachte ein Podium, doch genau das macht seine Geschichte glaubwürdig und lebendig. Ausfälle in Suzuka, ein Unfall am A1-Ring, weitere Einsätze in Donington, Mugello und Laguna Seca – 27R war kein Museumsstück, sondern ein echter Rennwagen mit Narben, Aufgaben und Charakter.
1999 kehrte das Auto in der British GT Championship zurück, nun in Papaya Orange für AM Racing. Chris Goodwin und James Munroe bestritten die ersten fünf Rennen, mit einem dritten Platz in Oulton Park und einem zweiten Platz in Snetterton als beste Resultate. Danach veränderten äußere Umstände die Geschichte des Teams abrupt, und wie so oft im Motorsport blieb am Ende das Auto selbst als stiller Träger der Erinnerung zurück.
Später begann für 27R eine neue, fast ebenso faszinierende Lebensphase. Nach dem Verkauf im Jahr 2000 und einem Auftritt beim Goodwood Festival of Speed wurde der Wagen 2009 von Jeff Leadley übernommen und umfassend von Lanzante überarbeitet. Dabei erhielt er seine ursprüngliche Parabolica-Lackierung zurück, wurde technisch sorgfältig aufgebaut und auf Straßenspezifikation umgerüstet. Gerade dieser Schritt ist bemerkenswert: Ein ehemaliger Werks- und Kundensport-Rennwagen, der seine Identität bewahrt und dennoch für die Straße nutzbar wird, besitzt eine ganz eigene Magie.
Warum Chassis 27R heute so besonders ist
Zu den größten Qualitäten dieses Fahrzeugs zählt, dass es seinen originalen, nummerngleichen BMW Type-S70/3 V12 behalten hat – eine Seltenheit bei einem so intensiv eingesetzten Rennwagen. Hinzu kommen die vollständige britische Straßenzulassung, bezahlte Steuern, ein umfangreiches Ersatzteilpaket, Setup-Daten und eine umfassende Historie. Unter aktuellem Besitz war der Wagen bei renommierten Veranstaltungen zu sehen, darunter Hampton Court Concours 2022, Pebble Beach Tour d’Elegance 2023 und das Goodwood Festival of Speed 2024, bei dem Gary Ayles selbst wieder ans Steuer ging.
Im Februar 2025 erhielt 27R erneut einen großen Service bei Lanzante. Dabei wurden unter anderem Tank und Kraftstoffsystem erneuert, der Hitzeschutz im Motorraum optimiert, die Feuerlöschanlage überarbeitet und ein neuer Anlasser eingebaut. Äußerlich trägt der Wagen derzeit die Team-Lark-Farben von Le Mans 1997, während die Parabolica-Lackierung darunter erhalten blieb. Das macht dieses Auto nicht nur historisch interessant, sondern auch emotional ungemein stark: Es vereint mehrere Kapitel seines Lebens in einer einzigen physischen Präsenz.
Und ja, dieser McLaren F1 GTR ist derzeit zu haben. Nicht als nüchternes Objekt, sondern als rollendes Stück Motorsportgeschichte, das Straße und Rennstrecke gleichermaßen in sich trägt. Wer sich für große Automobile begeistert, kann bei einem solchen Wagen nur ins Träumen geraten. Ein offizieller Schätzpreis wird vom Anbieter nicht genannt.
Bilder: Anbieter des Fahrzeuges
FAQ
1) Was macht den McLaren F1 GTR Longtail (und speziell Chassis 27R) so außergewöhnlich?
Der Longtail ist keine kosmetische Sonderversion, sondern eine konsequente Weiterentwicklung für den Rennsport: längere Karosserie, mehr Abtrieb, geringeres Gewicht und ein sequenzielles Getriebe. Dadurch steht er für den Punkt, an dem Ingenieurskunst und Reglement-Druck ein Fahrzeug “zuspitzen”, bis nur noch Funktion übrig bleibt. Chassis 27R hebt sich zusätzlich ab, weil er einerseits echte Renngeschichte geschrieben hat (inklusive des Longtail-Premierensiegs in Silverstone am 6. April 1997) und andererseits später so restauriert wurde, dass seine Identität erhalten blieb.
2) Warum zählt die Historie (Siege, Ausfälle, Besitzer, Service) bei so einem Auto fast mehr als reine Leistung?
Bei einem ikonischen GT-Rennwagen ist Leistung nur der Anfang. Entscheidend ist, ob die Geschichte “stimmt”: Einsätze auf den großen Bühnen, bekannte Fahrer, dokumentierte Umbauten und nachvollziehbare Brüche gehören zur Authentizität. Gerade 27R wirkt glaubwürdig, weil er nicht nur glänzende Momente hatte, sondern auch Ausfälle und Unfälle – also das echte Risiko des Motorsports. Gleichzeitig zeigt die spätere Lanzante-Überarbeitung (inklusive Umrüstung auf Straßenspezifikation) den seltenen Spagat: ein Auto, das genutzt, gepflegt und historisch korrekt weitergetragen wurde.
3) Was bedeutet es praktisch, wenn ein ehemaliger Rennwagen „straßenzugelassen“ ist – und warum steigert das die Faszination?
Eine Straßenzulassung macht aus einem reinen Sammlerobjekt ein erlebbares Fahrzeug: Der Wagen wird nicht nur betrachtet, sondern kann bewegt werden – etwa bei Touren, Hillclimbs oder ausgewählten Events. Das verändert die Beziehung zum Auto, weil seine Geräusche, Temperaturen, Gerüche und die Sitzposition wieder Teil der Erfahrung werden. Beim 27R kommt hinzu, dass wichtige Substanz erhalten blieb (z. B. der originale, nummerngleiche V12) und zugleich aktuelle Wartung dokumentiert ist (großer Service im Februar 2025). So entsteht das seltene Gefühl, Motorsportgeschichte nicht nur zu besitzen, sondern sie „fahren“ zu können.



