Mercedes-Benz Blue Boar, ein breit umgebauter 300 SEL mit hochgeklappter Motorhaube, Frontansicht schräg von links, Besucher stehen daneben.
Unter der Haube des Blue Boar arbeitet ein 6,0-Liter-LS-V8 mit zwei Turbos, der laut Smokedogg Customs rund 1.000 PS leistet. · Foto: autorini.de

Mercedes-Benz Blue Boar: 300 SEL von 1971 mit Biturbo-V8 als Hommage an die Rote Sau

Ein Mercedes-Benz 300 SEL von 1971, ein amerikanischer V8 mit zwei Turboladern und Technik aus der Chevrolet Corvette: Das ist der Blue Boar von Alan Iwamoto und seiner Werkstatt Smokedogg Customs. Auf der SEMA Motorshow 2026 in Las Vegas steht er als blaues Gegenstück zur „Roten Sau“, dem 300 SEL, mit dem AMG 1971 bei den 24 Stunden von Spa für Aufsehen sorgte.

Hommage an den Rennwagen, der AMG berühmt machte

Frontpartie des Mercedes-Benz Blue Boar mit Doppelscheinwerfer, Blinker, Frontspoilerlippe und Blick auf Kühler und Motorraum.
Der Blue Boar behält die Doppelscheinwerfer-Front des 300 SEL, trägt aber ein handgefertigtes Widebody-Kit. (Foto: autorini.de)

Das Original ist eine der Gründungslegenden von AMG. Die damals noch junge Tuningfirma bohrte den V8 der Oberklasselimousine auf 6,8 Liter auf und schickte den schweren Viertürer 1971 nach Spa, wo er seine Klasse gewann und im Gesamtklassement Zweiter wurde. Eine Luxuslimousine zwischen leichten Tourenwagen war damals so absurd, dass der Spitzname bis heute hängen geblieben ist. Smokedogg Customs nennt den Blue Boar eine moderne Hommage an dieses Auto. Die Werkstatt hat nach eigenen Angaben drei Jahre lang von Hand an einer verrosteten Limousine aus den frühen Siebzigern gearbeitet. Herausgekommen ist ein Einzelstück, das laut Erbauer auch für die Rennstrecke taugt.

Rund 1.000 PS aus einem LS-V8 mit zwei Turbos

Blick von schräg oben in den Motorraum des Mercedes-Benz Blue Boar mit blau lackiertem V8, Krümmern und Rohrrahmen bei geöffneter weißer Haube.
Unter der Haube des Mercedes-Benz Blue Boar arbeitet ein 6,0-Liter-V8 aus der LS-Familie von General Motors mit zwei Turbos, die Werkstatt gibt rund 1.000 PS an. (Foto: autorini.de)

Mit dem Mercedes-Motor hat der Antrieb nichts mehr zu tun. Unter der Haube arbeitet ein 6,0-Liter-V8 aus der LS-Familie von General Motors, aufgeladen von zwei Turbos. Die Werkstatt gibt rund 1.000 hp an, also etwa 1.000 PS beziehungsweise rund 745 kW. Das ist mehr als das Dreifache dessen, was der stärkste serienmäßige 300 SEL, der 6.3, einst leistete. Die Turbolader sitzen ungewöhnlicherweise in den oberen Scheinwerfern der Doppelscheinwerfer-Front. Als Kraftstoff dient E85, ein Gemisch mit 85 Prozent Ethanol. Es ist in der amerikanischen Tuningszene beliebt, weil es durch seine hohe Klopffestigkeit viel Ladedruck zulässt.

Geschaltet wird von Hand über ein Tremec T56, ein Sechsgang-Schaltgetriebe, das in vielen amerikanischen Sportwagen verbaut wurde. Die Motorsteuerung übernimmt ein Haltech Rebel, den Strom verteilt ein Power Distribution Module mit 16 Ausgängen statt eines klassischen Sicherungskastens, dazu kommt ein komplett eigener Kabelbaum. Diese Kombination findet man normalerweise eher in Rennfahrzeugen als in Showautos. Smokedogg Customs betont, dass der Blue Boar gefahren und nicht auf dem Anhänger transportiert wird.

Ein Rohrrahmen mit Corvette-Technik

Mercedes-Benz Blue Boar von der Seite: Widebody-Karosserie, Rotiform-Felge, Selbstmördertüren und Überrollkäfig im Innenraum.
Der Blue Boar trägt ein handgefertigtes Widebody-Kit, Selbstmördertüren und dreiteilige Rotiform-Räder als Sonderanfertigung. (Foto: autorini.de)

Die eigentliche Ingenieursarbeit steckt unter dem Blech. Ein Gitterrohrrahmen aus Chromoly-Stahl trägt die Karosserie und ist mit den Achsträgern einer Corvette der sechsten Generation (C6) verschraubt. Die Komponenten für Antriebsstrang und Radaufhängung stammen ebenfalls aus der C6. Das ist ein pragmatischer Ansatz: Die Corvette-Technik ist für hohe Leistung ausgelegt, in den USA gut erhältlich und gut dokumentiert. Hinten setzt die Werkstatt auf eine Cantilever-Aufhängung, bei der Feder und Dämpfer über Umlenkhebel angesteuert werden, wie man es aus dem Rennsport kennt.

Gechoppt, verbreitert, mit Selbstmördertüren

Innenraum des Mercedes-Benz Blue Boar mit blauem Leder, Sportsitzen, weißem Rohrrahmen, Lenkrad und Schalthebel auf der Mittelkonsole.
Im Blue Boar sitzt man zwischen sichtbarem Rohrrahmen und Schalthebel: Das Sechsgang-Schaltgetriebe Tremec T56 wird von Hand geschaltet. (Foto: autorini.de)

Optisch bleibt der 300 SEL erkennbar, die Proportionen haben sich aber deutlich verändert. Das Dach wurde um rund 7,6 Zentimeter (3 Zoll) gekürzt, die Scheiben sind deshalb Maßanfertigungen. Ein handgefertigtes Widebody-Kit macht die Limousine deutlich breiter, dazu kommen Selbstmördertüren. Die dreiteiligen Felgen sind Sonderanfertigungen von Rotiform, der Lack ist ein Perlmutt-Effektlack, dessen Farbton sich je nach Blickwinkel ändert. Auf dem Kofferraumdeckel sitzt im Stil der alten Typenschilder eine „6,0“, angelehnt an die Hubraumangaben des 6.3 und der Rennversion. Innen hat Smokedogg Customs ebenfalls alles selbst gemacht, bis hin zu handgefertigten Schaltern und Instrumenten.

Unser Urteil

Heckansicht des Mercedes-Benz Blue Boar auf der SEMA Motorshow 2026 mit breiten Kotflügeln, Heckspoiler, Diffusor und 300-SEL-Schriftzug.
Die „6,0“ auf dem Kofferraumdeckel des Mercedes-Benz Blue Boar knüpft an die Hubraumangaben des 6.3 und der Rennversion an. (Foto: autorini.de)

Der Blue Boar ist kein Restomod, der den Charakter des Originals bewahren will. Er übersetzt die Idee der Roten Sau in die Sprache der amerikanischen Tuningszene: eine Oberklasselimousine, die auf der Rennstrecke eigentlich nichts verloren hat, mit sehr viel Leistung. Für Mercedes-Puristen ist das wenig, schließlich stammen Motor und Fahrwerkstechnik von General Motors, das Getriebe von Tremec. Gerade das ist aber der Reiz des Autos. Rohrrahmen, Corvette-Technik und eine Motorsteuerung aus dem Rennsport sprechen dafür, dass hier mehr gebaut wurde als ein Messeauto. Ob der Wagen hält, was die Werkstatt verspricht, kann nur der Einsatz auf der Rennstrecke zeigen. Als Einzelstück und als Beleg für drei Jahre Handarbeit ist der Blue Boar einer der eigenständigsten Umbauten, die man auf Basis eines klassischen Mercedes finden kann.

Die Daten

Heck des Mercedes-Benz Blue Boar von schräg oben: Kofferraumdeckel mit Stern und „6,0“-Schriftzug, rechts ein stark verbreiterter Kotflügel.
Der „6,0“-Schriftzug auf dem Kofferraumdeckel des Mercedes-Benz Blue Boar ist an die Hubraumangaben des 6.3 und der Rennversion angelehnt. (Foto: autorini.de)
  • Basis: Mercedes-Benz 300 SEL, Baujahr 1971
  • Motor: 6,0-Liter-LS-V8, Biturbo, Betrieb mit E85
  • Leistung: rund 1.000 PS (1.000 hp)
  • Getriebe: Tremec T56, Sechsgang-Schaltgetriebe
  • Chassis: Chromoly-Rohrrahmen, Antriebs- und Fahrwerkskomponenten der Corvette C6
  • Karosserie: Widebody, Dach um 7,6 cm (3 Zoll) gekürzt, Selbstmördertüren
  • Räder: dreiteilige Rotiform-Sonderanfertigung

Quelle: eigene Recherche vor Ort, SEMA Motorshow 2026 Las Vegas, Smokedogg Customs