Für uns geht es in einen alten Bulli Richtung Portugal. Das Ziel: der Atlantik an Europas westlichster Küste. Das Fahrzeug: ein in die Jahre gekommener T4, der kurzerhand zum Low-Budget-Reisemobil umgebaut wurde – pragmatisch, funktional und genau richtig für eine lange Strecke.

Frankreich und Spanien als Transitländer zu durchqueren, fühlt sich merkwürdig an: Beides sind für viele Deutsche klassische Urlaubsländer. Gerade wer Frankreich liebt, möchte am liebsten anhalten, durch kleine Orte bummeln, Küche und Lebensart auskosten. Doch zwischen dem Start in Südbayern und dem Ziel knapp nördlich von Lissabon liegen rund 2.500 Kilometer – also wird drei Tage lang Strecke gemacht. Und das lässt sich kurz zusammenfassen: Es zieht sich.
Auf dem Weg im T4 nach Portugal sind viele Kilometer abzuspulen
Der Anlass ist persönlich: Freunde sind 2017 nach Portugal ausgewandert – und wie so oft steht vor der Abreise das schnell gegebene Versprechen, bald nachzukommen. Mitte September passt es: In Deutschland kippt das Wetter Richtung Herbst, die Temperaturen sinken, die Reiselust steigt. Eigentlich soll es mit dem Wohnmobil losgehen, doch die Pickup-Wohnkabine steht in der Schrauberhalle – abgesattelt, leer und bis zum Urlaubsstart definitiv nicht einsatzbereit. Also wird spontan umdisponiert: Ein alter VW-Bus T4 wird gekauft und innerhalb von rund zwei Wochen mit Bett, Küchenschrank, Kühlbox und Regalen zum reisetauglichen Camper ausgebaut.

Drei Wochen Urlaub sind eingeplant – mit südlicher Sonne und auch mal einer Offroad-Piste. Auf dem Hinweg heißt das jedoch erst einmal: Kilometer fressen. Dass dabei nicht alles nach Plan läuft, zeigt ausgerechnet ein französischer Supermarkt, der am Ende fast einen halben Tag kostet. Ergebnis: Nur rund 500 Kilometer stehen am Abend auf dem Tageszähler.
Bei uns ist Herbst, in Portugal ist das Wetter sommerlich
Während es daheim bereits herbstlich wird, empfängt Portugal den alten T4 mit strahlendem Sonnenschein und über 35 Grad. Auf einer fast leeren – und auffallend teuren – Autobahn geht es dem Sonnenuntergang entgegen. Unterwegs stellt sich ein Gefühl ein, das lange verschüttet war: Mit einem über zwei Jahrzehnte alten Bulli, der nun einmal quer durch Europa gefahren ist, wirkt alles leichter, freier, jugendlicher. Der Ausweis mag etwas anderes behaupten – aber auf dieser Reise zählt das wenig.
Zum Charakter der Tour passt auch das Tempo. Ein 60-PS-Diesel ist kein Sprinter, eher ein rollender Entschleuniger: Mehr als 120 bis 130 km/h sind kaum drin. Genau das bringt eine Ruhe zurück, die im Alltag zwischen Job, Einkäufen und To-do-Listen oft fehlt.
Vor Ort zeigt sich schnell, wie gut die Freunde bereits angekommen sind. Beim Frühstück im Dorfsupermarkt – zugleich Treffpunkt und Café-Bar – gibt es nicht nur die ersten portugiesischen Backwaren (sündhaft süß, aber eben auch sündhaft gut), sondern nebenbei einen Crashkurs über Land, Leute und Lebensweise.

Wie tief dieses Wissen schon geht, zeigt sich am Sonntag beim Besuch des Santana-Marktes nördlich von Rio Maior, mitten im Wald. Der Wochenmarkt, der jeden Sonntag stattfindet, wirkt wie ein komplettes Versorgungssystem unter freiem Himmel: Kleidung, Schuhe, Töpfe, Gartengeräte, Grillzubehör, dazu Obst, Gemüse, Brot, Honig, Fisch und Fleisch – teils sogar lebend. Wer Hühner, Puten, Gänse oder Hasen für den eigenen Hof sucht, wird hier fündig.
Mit vollem Magen herzukommen ist allerdings ein Fehler. Ein Bereich ist dem Essen gewidmet: Huhn vom Grill, Schweinebraten aus der Glut oder Schnitzel, das in Weißwein gart. Und wer sich mittags einmal durchprobiert hat, bestellt anschließend eine Bica – so heißt der Espresso hier.
Óbidos – schön aber touristisch
Ganz anders wirkt Óbidos: restauriert, malerisch, mit einer Stadtmauer, auf der sich der historische Kern umrunden lässt – fast wie in Rothenburg ob der Tauber. Doch zur Kulisse gehört auch der Touristenbetrieb: Busladungen, Souvenirs, viel Inszenierung. Immerhin ist der große Parkplatz vor den Toren im Herbst nur dünn belegt. Trotzdem erscheint der Ort zu voll, die Auslagen zu kitschig, das Flair zu aufgesetzt – nach einem kurzen Rundgang geht es weiter.

Ein Highlight bleibt allerdings: die Buchhandlung. Die Regale reichen tatsächlich bis unter die Decke, mehrere Meter hoch – ein Ort, an dem Leseratten hängen bleiben könnten, auch wenn der Rest der Stadt eher zum schnellen Abhaken verführt.

Endlich, der VW-Bus ist in Portgal am Meer angekommen
Dann ist er da, der Moment, für den die Kilometer schrumpfen: Der Atlantik. Flutwellen rollen heran und donnern gegen die Mole, Gischt schießt meterhoch in die Luft. Nach dem Abschied von den Freunden steht der Bulli nun am Meer – endlich. Das kleine Reisespiel „Wer zuerst das Meer sieht“ sorgt auch diesmal für Diskussionen: Flüsse und Seen zählen nicht, und auch die Navi-Grafik im T4 gilt nicht als Sichtkontakt.
Direkt am Wasser fesselt das Naturschauspiel, Minute um Minute. Auf der Mole stehen Angler und hoffen auf frischen Fisch fürs Abendessen. Irgendwann geht es zurück zum Bus – und weiter auf die Suche nach einem Platz für die Nacht.


Portugal und seine Waldbrände von 2017
Die Reise zeigt jedoch nicht nur Postkartenmotive. An einem Tag stehen in der Ferne Rauchsäulen. Nach Stunden durch verkohlte Waldgebiete in den Tagen zuvor ist die Hoffnung groß, dass die Bombeiros – Portugals Feuerwehrleute – den Brand schnell unter Kontrolle bekommen. Im Jahr zuvor hatten hier unzählige Flächen gebrannt. Zwar sind vielerorts inzwischen Feuerschneisen angelegt und Wälder vom leicht entzündlichen Unterholz befreit, doch es kommt immer wieder zu Bränden, die in trockenen Eukalyptus- und Kiefernwäldern reichlich Nahrung finden.
Weil Portugal zu einem wichtigen Lieferanten für die Papierindustrie geworden ist, sind viele Forstgebiete riesig – und Brände vom Boden aus entsprechend schwer zu bekämpfen. Immer wieder kreisen Löschflugzeuge am Himmel, was jedes Mal ein mulmiges Gefühl auslöst. Konsequenz für die eigene Reise-Routine: Die Feuerschale bleibt dort, wo sie hingehört – im Stauraum unter dem Bett.

Am Ende bleibt eine klare Erkenntnis: Drei Wochen sind für Portugal eigentlich zu kurz. Das wird spätestens dann offensichtlich, als nach zwei Wochen schon wieder an die Rückreise gedacht werden muss. Das Land ist zu schön, die Menschen zu freundlich, das Essen zu gut – und die Anfahrt schlicht zu weit, um alles in wenigen Tagen „abzuhaken“.

Trotzdem bleibt Zeit für einen letzten Abstecher ans Meer. Am nächsten Morgen geht es im VW Bus T4 auf die Autobahn, über die Grenze nach Spanien. Dort folgt noch ein Stopp im Supermarkt: Schinken, Chorizo, spanischer Brandy. Nach dem Volltanken rollt der Bulli weiter Richtung Frankreich. Für die restlichen Kilometer wird bewusst Tempo herausgenommen – kleine Orte, große Supermärkte, spontane Pausen. Frankreich nur als Transitland? Für diese Art Reise funktioniert das am Ende doch nicht.

Fotos: Michael Scheler
Noch mehr Reisen (nicht nur mit dem VW.Bus) …
… gibt es im Buch „Travelling off the Road“, aus dem auch diese Reisegeschichte „Portugal im VW-Bus T4“ stammt.



