Manche Autos entstehen nicht aus Marktforschung, sondern aus einer Idee, die jemand nicht loswird. Der Daytona Shooting Brake Hommage von Niels van Roij Design ist so ein Einzelstück. Gebaut als moderne Interpretation des originalen Daytona Shooting Brake von 1972. Kein Serienfahrzeug, kein gewöhnlicher Umbau. Sondern eine ruhige, konsequente Hommage an einen der ungewöhnlichsten Gran Turismo seiner Zeit.
Seine Weltpremiere feierte er am 8. Juli 2026 im Royal Automobile Club in Woodcote Park. Besser passt der Rahmen kaum: britische Clubkultur, italienischer V12, niederländische Designhandschrift.
Daytona Shooting Brake Hommage: kein Retro, sondern Haltung

Der Reiz liegt nicht im sklavischen Nachbau des 1972ers. Niels van Roij Design hat den Geist übersetzt – lange Proportionen, ruhige Flächen, klare Skulptur. Details, die sich erst beim zweiten oder dritten Blick erschließen. Deshalb wirkt der Wagen wie ein zeitgemäßer GT mit Geschichte, nicht wie ein Zitat.
Basis ist eine italienische Frontmotor-V12-Plattform. Langer Vorderwagen, weit zurückversetzte Kabine, frei atmender Zwölfzylinder. Ab dem Scheibenrahmen wurde die Karosserie komplett neu gedacht. Nur die Türen blieben erhalten. Jedes andere Blech ist neu geformt.
15.000 Stunden für eine einzige Form
15.000 Stunden stecken in Design, Technik, digitaler Entwicklung und Handarbeit. Das ist keine Pressemappen-Zahl. Man sieht sie dem Auto an.
Die Karosserie: Aluminium statt schneller Effekte

Die gesamte Karosserie besteht aus Aluminium, handgeformt nach klassischer Manier. Handskizzen, Tonmodell im Maßstab 1:1, digitale Flächen, CAD und physische Prototypen – der ganze Weg wurde gegangen.
Ab der Windschutzscheibe verändert sich die Dachlinie deutlich. Sie steigt über dem Fahrer leicht an und fällt dann in einer straffen Kurve zum verlängerten Heck ab. Neue B-Säulen-Neigung, geschlossenes Heck ohne klassische Klappe oder harte Stoßfängerlinien. Das Ergebnis ist ein monolithisches Volumen. Der Wagen wirkt nicht wie ein Coupé mit angehängtem Gepäckraum, sondern wie ein Shooting Brake, der von Anfang an so geplant war.
Das stärkste Detail öffnet seitlich

Die riesigen elektrisch betätigten Schmetterlings-Seitenscheiben sind das prägnanteste Merkmal. Kein Effekt um des Effekts willen. Das Original von 1972 nutzte seitlich öffnende hintere Scheiben, um den Gepäckraum auch bei engen Parklücken gut zu erreichen. Der Hommage übernimmt das Prinzip und setzt es technisch sauberer um.

Die Scheiben laufen auf gefrästen Aluminium-Scharnieren mit sichtbaren Bohrungen. Die hintere Verglasung bleibt fest, der Zugang erfolgt seitlich. Eigenwillig. Und erstaunlich praktisch. Genau das zeichnet gute Shooting Brakes aus: Sie verbinden Reisetauglichkeit, Nutzwert und Stil, ohne in Kombi-Gefilde abzurutschen.

Gepäckraum als Schauraum
Im Laderaum liegen maßgeschneiderte Gepäckhalterungen und Aluminiumdetails, sichtbar durch die Seitenscheiben. Solche Details sind leise, aber sie bleiben hängen.
Licht, Linie und ein Hauch Schmuck

Die Front zeigt die Sorgfalt am deutlichsten. Neue Scheinwerfereinheiten greifen die bernsteinfarbene Grafik klassischer Daytona-Modelle auf, wirken aber nicht retro. Statt flacher Flächen gibt es Tiefe, Licht und Volumen. Im CAD entwickelt und mit Carbon-Composite-3D-Druckteilen ausgeführt.
Durchgehende Leuchteinheit, präzise gefräste Aluminiumdetails und schwarze Studio-Signaturen an den äußeren Kanten. Die Linienführung bleibt skulptural und bewusst zurückhaltend. Nichts wirkt zufällig. Nichts schreit.
Innenraum mit Cognac-Leder und Carbon-Struktur

Drinnen bleibt die Zurückhaltung erhalten, nur wärmer. Cognac-Leder liegt auf Sitzen, Armaturenbrett, Türverkleidungen, Dachhimmel und im Gepäckraum. Die Kontaktflächen fühlen sich wohnlich an, ohne weichgespült zu wirken. Dazu kommt sauber verarbeitetes Carbon – die zeitgemäße Antwort auf die Walnuss-Elemente des Originals.
Auffällig ist der zentral positionierte Instrumententräger. Auch das eine klare Referenz an den alten Chinetti Shooting Brake, aber nicht kopiert. Skulpturierte Lederflächen liegen über handgeschlagenen Aluminiumstrukturen. Das Cockpit wirkt wie ein maßgeschneiderter Raum, nicht wie ein umgebautes Serieninterieur.
Ein Anzug als stilles Archiv
Zum Projekt gehört ein dreiteiliger Maßanzug für Niels van Roij. Schwarzer Stoff, Nadelstreifen im Ton des cognacfarbenen Leders, Details aus denselben Häuten wie im Auto. Er bleibt nach Fertigstellung im Studio – als tragbares Archiv des Fahrzeugs.
V12-Charakter für lange, große Momente

Technisch bleibt es bei der Frontmotor-V12-Basis. Am Heck sitzt die Beleuchtung tief integriert hinter gehärtetem Glas in einer straff ausgeführten Heckarchitektur. Entscheidend ist aber der Charakter des frei atmenden Zwölfzylinders.

Die Räder zitieren klassische Chromspeichen-Optik, die Bremssättel sind satin-silber und bewusst unaufgeregt. Genau diese Balance funktioniert. Drama ohne Effekthascherei. Luxus ohne Protz. Coachbuilding kann 2026 also mehr sein als teurer Individualwunsch – es kann eine sehr persönliche Form automobiler Kultur sein.
Bilder: Hersteller
FAQ
Was macht den Daytona Shooting Brake Hommage so besonders?
Die Haltung. Er versucht nicht, ein nostalgisches Retroauto zu sein, sondern ein eigenständiges modernes Einzelstück mit historischem Bewusstsein. Er zitiert den 1972er, kopiert ihn aber nicht. Neue Proportionen, handgeformtes Aluminium, komplett neu gedachtes Heck und die seitlichen Schmetterlingsscheiben ergeben einen eigenen Charakter. Handwerkliche Präzision bis ins letzte Detail. Man sieht die konsequent verfolgte Idee.
Warum spielen die seitlich öffnenden Fenster bei diesem Auto eine so große Rolle?
Weil sie funktional sind. Das Original nutzte seitliche Öffnungen, um den Gepäckraum auch bei engen Parklücken gut zu erreichen. Der Hommage setzt das Prinzip technisch sauber und elektrisch um. Praktisch, eigenwillig und emotional zugleich. Gutes Coachbuilding macht genau das: eine alte Idee so weiterentwickeln, dass sie heute wieder Sinn ergibt.
Wofür steht dieses Einzelstück im größeren Sinn der Automobilkultur?
Für die Rückkehr des Coachbuildings als echte kulturelle Aussage. Während Serienautos immer austauschbarer werden, setzt dieses Auto auf echte Individualität, handwerkliche Qualität und persönliche Vision. Es zeigt, dass ein Fahrzeug auch heute noch als Maßanfertigung funktionieren kann – wie ein guter Anzug oder ein Möbelstück. Deshalb reicht seine Bedeutung deutlich über die reine Technik hinaus.


