Ein automobilhistorisches Juwel, das zugleich ein Stück transatlantischer Kulturgeschichte trägt: Der 1930 Bentley Speed Six mit Schutte-Karosserie vereint britische Ingenieurskunst mit amerikanischer Auftragsfertigung. Dieses Fahrzeug ist das einzige bekannte Speed-Six-Exemplar, das seine originale amerikanische Karosserie bewahrt hat und damit eine singuläre Verbindung zweier Traditionen repräsentiert. Die Fahrgestelllänge von 3,88 Metern (Radstand) verleiht dem Wagen eine majestätische Präsenz, passend zur ursprünglichen Kundschaft aus den höchsten Kreisen. Technische Kennzahlen wie Fahrgestellnummer HM2854 und Motoranschrift HM2858 dokumentieren ein Stück Manufakturhistorie; Details wie die Anpassung des Kurbelgehäuses für einen Bosch-Anlasser erzählen von sorgfältiger Modifikation und originaler Substanz.
Einzigartige amerikanische Karosserie

Die Karosserie stammt vom Charles Schutte Body Company aus Lancaster, Pennsylvania, einem Betrieb, der seit 1910 für maßgeschneiderte Aufbauten an Luxusfahrzeugen stand. Schutte fertigte für Rolls‑Royce Phantom II, Duesenberg, Cadillac, Packard und Hispano‑Suiza und übertrug seine Handwerkskunst hier auf einen der stärksten britischen Vorkriegswagen. Als owner‑driver limousine mit Schiebetrennwand kombiniert die Formensprache Fahrkomfort und Privatheit — ein Konzept, das transatlantische Kunden schätzten: die Möglichkeit, das Auto selbst zu fahren oder chauffiert zu werden, je nach Anlass. Dass dieses Speed‑Six‑Exemplar seine originale Schutte‑Karosserie bis heute trägt, macht es zu einem Unikat in der Bentley‑Historie und zu einem Zeugnis früher globaler Luxusmobilität.

Technik und Fahrgestell

Unter der Karosserie verbirgt sich das robuste Fahrgestell mit der Nummer HM2854, eines der späten Modelle des Baujahres 1930. Der Radstand von 3,88 Metern war damals die längste verfügbare Ausführung und verleiht dem Auto Raum sowie eine ruhigere Straßenlage. Bemerkenswert ist die Motorbezeichnung HM2858 und die Modifikation des Kurbelgehäuses zur Aufnahme eines Bosch‑Starters — ein Hinweis auf technische Anpassungen, die den Alltag erleichterten. Hochfeste Bolzen am vorderen Querträger sprechen für eine konstruktive Robustheit, die den Speed Six zu einem verlässlichen Gran Turismo machte. Von insgesamt 182 gebauten Speed Six in Cricklewood (1928–1930) ist dieses Fahrzeug Teil einer kleinen Serie.

Eine bemerkenswerte Herkunft
Die frühe Geschichte dieses Bentley ist eng mit der nordamerikanischen Elite verknüpft: Die Erstbesitzerin war Ruth Vanderbilt Twombly, Urenkelin des Eisenbahnmagnaten Cornelius Vanderbilt. Eingebettet in die Lebenswelt einer Gilded‑Age‑Familie mit Residenzen an der Fifth Avenue, in Newport und auf einem tausend Acre großen Anwesen, symbolisiert der Wagen den Stil einer Epoche, in der Automobilität Ausdruck gesellschaftlicher Stellung war. Twombly, die zeitlebens unverheiratet blieb und lange mit ihrer verwitweten Mutter lebte, verkaufte das Fahrzeug nicht ohne historische Begleitung: Solche Provenienzen erhöhen das erzählerische Gewicht eines Oldtimers und machen ihn zu einem Dokument sozialer und technologischer Entwicklungen.
Diplomatischer Dienst und Kriegsgeschichte
Im Jahr 1940 wechselte das Fahrzeug in die Hände von Richard Gardiner Casey, Australiens erstem Botschafter in Washington (1940–42). Casey, später Mitglied von Churchills Kriegskabinett, Gouverneur von Bengal und schließlich Generalgouverneur von Australien, führte den Wagen durch eine Zeit, in der Automobile nicht nur persönlichen Luxus, sondern auch politische Präsenz symbolisierten. Die Verbindung zu einem so profilträchtigen Diplomaten verleiht dem Bentley eine zusätzliche historische Dimension: Er war Zeuge internationaler Verbindungen und diente in einem Kontext, in dem Mobilität Teil diplomatischer Repräsentation war. Solche Stationen in der Besitzchronik sind für Liebhaber historischer Mobilität von Interesse.
Späteres Leben und Pflege

Nach dem Zweiten Weltkrieg fand der Speed Six sein Zuhause in den USA bei Carl Mueller aus Milwaukee, einem Kenner und Rennfahrer, der sich der Pflege vor dem Krieg gebauter Bentleys verschrieb. 1975 erwarb Fred Berndt das Fahrzeug und ließ eine fachkundige Restaurierung durchführen — ein Eingriff, der die Substanz bewahrte und dem Wagen seine Erscheinung zurückgab. Seit 1981 befindet sich das Fahrzeug in kontinuierlichem Familienbesitz, nunmehr über vier Jahrzehnte in einer Hand, die das Auto pflegte. Diese langjährige Familiengeschichte ist selten und spricht für beständige Fürsorge sowie Bewahrung originaler Merkmale.
Warum dieses Exemplar fasziniert
Besonders faszinierend ist die Kombination aus britischer Fahrwerkskunst und amerikanischer Karosseriebauweise: Die owner‑driver limousine mit Schiebetrennwand erlaubt ein Doppelleben des Fahrzeugs — elegant auf der Rückbank, engagiert am Steuer. Diese Doppelfunktion reflektiert eine Epoche, in der Fahrzeuge vielseitig genutzt wurden und dabei Ansprüchen an Komfort und Repräsentation genügten. Die Tatsache, dass genau dieses Fahrzeug seine originale Schutte‑Karosserie bewahrt hat, macht es zu einem Studienobjekt für Liebhaber der Karosseriekunst und zu einem Ausdruck der Mobilitätskultur der späten 1920er und frühen 1930er Jahre. Jeder Blick auf die Linienführung erzählt von Handarbeit, Luxus und dem transatlantischen Austausch von Ideen.
Dokumentation, Zustand und Sammlerwert
Der Bentley wird in exzellentem Zustand angeboten und ist durch einen aktuellen historischen Bericht der Bentley‑Expertin Clare Hay begleitet — eine Dokumentation, die den Wert eines solchen Fahrzeugs unterstreicht. Standort und steuerliche Angaben nennen Vereinigtes Königreich und Schweiz, was für Sammler von Bedeutung sein kann. Mit Herstellungszählungen, Chassis‑ und Motornummern sowie einer lückenlosen Besitzfolge ist dieses Exemplar aufgestellt für anspruchsvolle Sammlungen und Concours‑Bühnen. Für Kenner ist dies mehr als ein Wagen: Es ist ein Denkmal automobilen Erbes.
Preis
Der Wert eines solchen Unikats lässt sich kaum allein an Zahlen messen; am Ende steht jedoch die formale Angabe: Preis auf Anfrage (Price on Application). Wer sich historischer Mobilität verschreibt, findet hier ein Fahrzeug, das Technik, Handwerk und Geschichte verbindet und das in Sammlerkreisen wegen seiner Einzigartigkeit und Dokumentation Aufmerksamkeit verdient.
Bilder: Anbieter des Fahrzeuges



