
Wer viel im Straßenverkehr unterwegs ist, kennt das unbewusste Zusammenspiel zwischen Menschen: ein kurzer Blickkontakt, ein Nicken, ein Handzeichen – und schon ist klar, wer fährt und wer wartet. Mit SAE Level 3, also dem „hands-off, eyes-off“-Modus, fällt genau dieses menschliche Signalspiel weg. Vauxhall nutzt nun den neuen Grandland als Technologieträger, um zu zeigen, wie künftige autonome Modelle mit Hilfe von Licht und künstlicher Intelligenz wieder eine klare, intuitive Kommunikation mit Fußgängern und anderen Verkehrsteilnehmern herstellen könnten.
Das Demonstrationsfahrzeug, ein speziell aufgebauter Vauxhall Grandland, wurde auf dem International Symposium on Automotive Lighting (ISAL) 2025 präsentiert. Entwickelt wurde das Projekt von Ingenieuren von Vauxhall und Stellantis gemeinsam mit Studierenden der Technischen Universität Darmstadt. Grundlage ist die Erkenntnis, dass moderne Scheinwerfer längst weit mehr können als nur die Straße auszuleuchten. Sie werden zum dynamischen Kommunikationskanal – und das ohne zusätzliche, auffällige Anbauteile.
Von Intelli-LED bis Intelli-Lux HD: Licht als Markenzeichen

Vauxhall treibt die Entwicklung anspruchsvoller Lichttechnologien bereits seit einiger Zeit über die Serienmodelle voran. Intelli-LED-Scheinwerfer in Corsa und Mokka, Intelli-Lux Matrix-Licht in Corsa, Mokka und Combo sowie das hochauflösende Intelli-Lux Pixel Light im Astra und Astra Sports Tourer markieren einzelne Ausbaustufen. Im neuen Grandland feiert schließlich Intelli-Lux HD Light Premiere – ein System, das nicht nur die Fahrbahn präzise ausleuchtet, sondern durch seine hohe Auflösung fein abgestufte Licht-Szenarien ermöglicht.
Genau diese Lichtsignatur dient nun als Basis für die Versuchsplattform. Anstatt komplett neue Leuchten nachzurüsten, nutzen die Ingenieure vorhandene Elemente und erweitern sie um animierte Signale. Vorteil: Die Fahrzeuge bleiben optisch als Vauxhall erkennbar, und die Infrastruktur für die Lichttechnik ist bereits im Fahrzeug integriert. Damit wird deutlich, dass der Schritt von heutigen Assistenzsystemen hin zu verständlich kommunizierenden, autonomen Fahrzeugen kein Bruch sein muss, sondern eine evolutionäre Weiterentwicklung.
SAE Level 3: Wenn das Auto selbst „mitdenkt“
Die Demonstration konzentriert sich auf Fahrzeuge mit SAE Level 3-Automatisierung, also einem Fahrmodus, in dem das Auto bestimmte Fahraufgaben vollständig selbst übernimmt und der Mensch den Blick von der Straße abwenden darf. Gerade hier ist Vertrauen entscheidend: Andere Verkehrsteilnehmer können nicht mehr auf Gesten des Fahrers setzen. Deshalb übernimmt der Grandland-Demonstrator gewissermaßen die Rolle des kommunikativen „Gesichtes“ des Fahrzeugs.
Im automatisierten Modus leuchten Front- und Heckblinker in Cyan, während die übrige Signaturbeleuchtung weiterhin weiß bleibt. Schon dieses Detail ist ein zentraler Baustein des Konzepts: Es macht auf einen Blick deutlich, dass das Auto sich im autonomen Betrieb befindet. Um Verwechslungen zu vermeiden, wurden bewusst Farben gewählt, die im Straßenverkehr bislang keine Rolle spielen. Cyan und Magenta kommen weder bei klassischen Ampeln noch bei üblichen Fahrzeugleuchten vor und wurden hinsichtlich Sichtbarkeit und Eindeutigkeit getestet.
AI-gestützte Lichtkommunikation: Gefahr oder Freigabe auf einen Blick
Der spannendste Teil des Projekts ist das Zusammenspiel aus Kamera- und KI-Technik mit der Lichtsignatur. Der Grandland-Demonstrator ist mit Kameras für Objekterkennung und Gestenerkennung ausgestattet. Eine KI bewertet die Situation und versucht, insbesondere das Verhalten von Fußgängern vorauszusehen. Zwei typische Szenarien standen im Fokus: ein Kind, das einem Ball unvermittelt auf die Straße folgt, oder ein Fußgänger, der plötzlich zwischen geparkten Autos hervorkommt.
Registriert das System einen Fußgänger im Fahrweg, ändert sich die Signatur: Das Licht wechselt von Cyan auf Magenta, zusätzlich erscheint auf einem Display an der Stelle des beleuchteten Vauxhall-Griffin-Emblems ein magentafarbenes Warnsymbol. Parallel dazu bremst das Fahrzeug ab. Der Verkehrsteilnehmer erkennt damit auf einen Blick nicht nur, dass er vom System „gesehen“ wurde, sondern auch, dass das Auto aktiv reagiert. Kommt der Grandland zum Stillstand, wechselt die Beleuchtung auf Grün, und das Display zeigt eine grüne Geh-Figur – angelehnt an bekannte Fußgängersymbole an Zebrastreifen und Ampeln. Das Signal: Es ist sicher, die Straße zu queren.
Sicherheit durch klare Farben und bekannte Symbole
Die kluge Wahl der Farben ist kein Nebenaspekt, sondern Kern des Sicherheitskonzepts. Rot bleibt klassischen Brems- und Rückleuchten vorbehalten, Weiß dem Fahrlicht. Gelb beziehungsweise Orange sind traditionell den Blinkern vorbehalten; im Demonstrator übernehmen im autonomen Modus jedoch cyan leuchtende Blinker diese Funktion. Cyan dient ausschließlich zur Kennzeichnung des autonomen Fahrmodus. Magenta signalisiert aktive Gefahrenerkennung und warnt Fußgänger und andere Verkehrsteilnehmer unmissverständlich. Grün wiederum steht – in Anlehnung an bestehende Ampel- und Fußgängerzeichen – für Freigabe und Sicherheit.
Diese farbliche Trennung soll Missverständnisse vermeiden. Ein Kind oder ein älterer Passant muss die Technik nicht verstehen, um zu profitieren: Die Signale folgen vertrauten Mustern, sind jedoch klar getrennt von bestehenden Lichtfunktionen. Zugleich bleibt die Möglichkeit, die Lichtanimationen später an gesetzliche Vorgaben oder kulturelle Besonderheiten anzupassen. Denn das Konzept basiert auf Software und bestehenden Leuchtelementen, nicht auf starr definierten Hardware-Bauteilen.
Was passiert, wenn die KI an ihre Grenzen kommt?
Auch bei ausgefeilter Sensorik und intelligenter Software sind Situationen denkbar, in denen das System keine eindeutige Entscheidung treffen kann – etwa bei komplexem Verkehrsaufkommen oder widersprüchlichen Gesten. Für solche Fälle greift das übliche Sicherheitsnetz der Fahrerassistenzsysteme: Kann die KI die Lage nicht zuverlässig meistern, fordert das Auto den Menschen im Cockpit zur Übernahme auf, so wie es die ADAS-Protokolle vorsehen.
Damit bleibt klar: Die vorgestellte Lichtkommunikation ersetzt nicht die Verantwortung des Fahrers, sondern erweitert das Sicherheitspaket autonomer Funktionen. Die Technik hilft vor allem dort, wo spontane Bewegungen von Fußgängern sonst für Überraschungen sorgen könnten. Für viele Autofans ist gerade dieses Zusammenspiel aus Hightech und praktischer Alltagstauglichkeit spannend – autonomes Fahren wird nicht nur zum Komfortthema, sondern zum Fortschritt in Sachen Verständlichkeit und Rücksichtnahme.
Kooperation mit TU Darmstadt: Forschung im offenen Netzwerk
Die Zusammenarbeit von Vauxhall, Stellantis und der Technischen Universität Darmstadt läuft seit 2022 und ist Teil des weltweiten Forschungsverbunds OpenLabs. Stellantis fördert an der dortigen Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik drei Doktoranden, die sich mit neuen Lichttechnologien befassen. Für die Lichtkommunikation im autonom fahrenden Grandland bedeutet das: Die Ideen stammen nicht nur aus Entwicklungsabteilungen der Industrie, sondern werden eng mit wissenschaftlicher Forschung verzahnt.
Federführend für das Lichtkonzept zeichnen Philipp Röckl, Global Lead Lighting bei Stellantis, und Julisa Le als Lead Innovation Engineer. Gemeinsam mit dem Vauxhall Concept Workshop und den Studierenden entstand ein System, das nicht beim Showeffekt stehenbleibt, sondern auf realistische, sicherheitsrelevante Szenarien fokussiert. Das Ergebnis ist ein Demonstrator, der zeigt, wie fein abgestimmte Animationen und Farben auf der Straße ganz konkrete Aufgaben übernehmen können – vom Warnen bis zum aktiven „Freigeben“ der Fahrbahn.
Vauxhall und die Rolle des Lichts im elektrischen Zeitalter
Dass Vauxhall dieses Projekt gerade jetzt vorantreibt, passt zur strategischen Ausrichtung der Marke. Das Unternehmen baut seit 1903 Autos in Großbritannien und hat sich in den vergangenen Jahren stark in Richtung Elektromobilität entwickelt. Bereits 2021 bot Vauxhall für alle Transporter-Modelle vollelektrische Varianten an, seit Ende 2024 gibt es für jede Baureihe im Pkw- und Nutzfahrzeug-Programm eine elektrische Version. Im Werk Ellesmere Port, dem ersten reinen Elektro-Standort der Marke in Großbritannien, läuft unter anderem der Combo Electric vom Band.
Parallel wirbt die Initiative „Electric Streets of Britain“ für mehr Ladeinfrastruktur an öffentlichen Straßen. In diesem Kontext bekommt Licht eine zusätzliche Dimension: Es prägt nicht nur das Markengesicht, sondern soll in einer zunehmend elektrifizierten, automatisierten Mobilität auch für Transparenz und Sicherheit sorgen. Die im Grandland demonstrierte AI-gesteuerte Lichtkommunikation ist damit ein Baustein in einem größeren Bild – einem Straßenverkehr, in dem Elektroautos, autonomes Fahren und intelligente Infrastruktur eng verzahnt sind.
Fazit: Wie nah ist der Serienstart – und was kostet das?
Der Vauxhall Grandland als Demonstrator zeigt, wie sich moderne Lichttechnik, Kamerasysteme und KI zu einem schlüssigen, gut verständlichen Kommunikationssystem verbinden lassen. Für Autoliebhaber ist besonders spannend, dass hier kein futuristischer Showcar-Entwurf im Mittelpunkt steht, sondern ein realer SUV mit bereits bekannten, hochentwickelten Lichtsystemen. Die animierten Signale in Cyan, Magenta und Grün könnten in einigen Jahren dazu beitragen, typische Unsicherheiten zwischen Menschen und autonomen Fahrzeugen abzubauen – von der plötzlichen Kindergruppe bis zum Passanten im toten Winkel.
Gleichzeitig bleibt es ein Forschungsprojekt: Serienreife, gesetzliche Rahmenbedingungen und konkrete Umsetzungspläne werden noch Zeit benötigen. Ein Marktstarttermin oder ein Preis für die vorgestellte AI-gestützte Lichtkommunikation im Vauxhall Grandland ist aktuell nicht bekannt, ebenso wenig ein Aufpreis für künftige Ausstattungsvarianten. Klar ist lediglich: Wer sich für die Zukunft des autonomen Fahrens interessiert, sollte nicht nur auf Sensoren und Software achten – sondern auch auf das, was vorne und hinten am Auto leuchtet.
Bilder: Hersteller



