Škoda Enyaq RS Race Frontansicht mit breiter Karosserie und Motorsport-Design
Das neue Škoda Enyaq RS Race auf Basis des Enyaq Coupé RS: Radikal umgebaut zum werksnahen Rallye-Renner mit nachhaltigen Flachsfasern. (Foto: Hersteller)

Škoda Enyaq RS Race: Elektropower trifft Biokomposite

Škoda Enyaq RS Race als Motorsport-Studie mit Spoiler und verbreiterten Radläufen in Studioaufnahme
Das neue Škoda Enyaq RS Race: Radikal umgebautes Elektro-Coupé mit breiter Motorsport-Karosserie und grün-schwarzem Design. (Foto: Hersteller)

Wenn ein elektrisches Familien-SUV auf Diät gesetzt, tiefergelegt und mit Überbreite versehen wird, entsteht im Idealfall kein Showcar, sondern ein Werkzeug. Genau in diese Richtung zielt der neue Škoda Enyaq RS Race: ein kompromissorientiertes Motorsport-Konzept, das sich technisch eng am Enyaq Coupé RS orientiert, aber in seiner Gesamterscheinung deutlich näher an einem Fabia RS Rally2 wirkt. Die Entwicklung dieses Renners begann 2023, die Premiere folgte im Oktober 2024 – und seitdem ist klar, dass hier weit mehr passiert als nur ein optisches Tuningprojekt.

Die Basis bleibt der bekannte Enyaq Coupé RS mit seinem Allrad-Dualmotor und 250 kW Systemleistung. Doch der Race-Ableger wird radikal umgekrempelt: Die Karosserie liegt 70 Millimeter tiefer; vorn ist sie 72 Millimeter und hinten 116 Millimeter breiter. Optisch bringt das die wuchtige Präsenz eines Werksrennwagens, technisch schafft es die Grundlage für deutlich höhere Kurvengeschwindigkeiten. Besonders spannend: Das Fahrverhalten soll sich eng an jenem des Fabia RS Rally2 orientieren, also an einem waschechten Rallyefahrzeug, das auf Schotter, Schnee und Asphalt zuhause ist.

300 Kilogramm abgespeckt – mit Flachs statt Carbon

Škoda Enyaq RS Race Rennfahrzeug, seitliche Heckansicht, graues Studio, markante Motorsport-Elemente und großer Heckflügel
Das Škoda Enyaq RS Race zeigt sich als radikales Elektro-Coupé mit Motorsport-Genen und markantem Rallye-Design. (Foto: Hersteller)

Wer Motorsport ernst nimmt, muss Gewicht sparen. Beim Enyaq RS Race wurden alle nicht zwingend notwendigen Komponenten entfernt, die Seiten- und Heckscheiben durch leichte Polycarbonatscheiben ersetzt und zahlreiche Bauteile konsequent neu gedacht. Das Ergebnis: eine Reduktion um 316 Kilogramm gegenüber dem Serien-Enyaq Coupé RS. Für ein Elektrofahrzeug ist das ein dramatischer Schritt, denn jedes Kilo weniger verbessert Ansprechverhalten, Bremsweg und Kurvendynamik.

Der faszinierendste Aspekt dieser Diät steckt jedoch im Material: Statt klassischer Kohlefaser besteht ein ganzer Strauß an Teilen aus nachhaltigen Flachsfasern. In Zusammenarbeit mit dem Spezialisten Bcomp kommen Flachs-Biokomposite an Stoßfängern, Kotflügeln, Dach, Dachlufteinlass und Heckflügel zum Einsatz, im Innenraum an Armaturentafel, Türverkleidungen und sogar an den Fußstützen von Fahrer und Beifahrer. Selbst das Panorama-Glasdach der Serie wird durch ein Paneel aus Flachs-Biocomposite ersetzt – ein konsequentes, motorsportnahes Statement für Leichtbau ohne fossile Fasern.

Flachsfasern als Zukunftsmaterial im Rennsport

Detailaufnahme eines Frontscheinwerfers mit SKODA-Schriftzug am Škoda Enyaq RS Race
Scheinwerfer und markantes SKODA-Logo am Enyaq RS Race (Foto: Hersteller)

Flachs wird zum heimlichen Star dieses Projekts. Insgesamt 16 Komponenten des Enyaq RS Race bestehen aus nachhaltigen Flachsfasern und ersetzen klassische Carbon-Bauteile. Die Vorteile liegen nicht nur in der Gewichtsersparnis. Flachsanbau gilt als bodenschonend und deutlich ressourcenschonender als die Herstellung vieler konventioneller Verbundwerkstoffe. Im Rennbetrieb kommen diese Teile unter härtesten Bedingungen zum Einsatz – unter anderem in Verbindung mit Schmierstoffen, die ebenfalls auf Umweltverträglichkeit getrimmt sind.

Im Innenraum sorgt das Flachsfaser-Gewebe AmpliTex für eine Rarität: Es dient gleichzeitig als Verstärkung, Design-Element und Quelle für weniger Vibrationen. Die Struktur dämpft Schwingungen, reduziert Gewicht und verleiht dem Cockpit eine eigenständige, technisch-organische Optik. Ergänzt wird das Konzept durch PowerRibs™, eine dreidimensionale Verstärkungstechnologie, die Flachsfasern nutzt, um Karosserieteile maximal steif und gleichzeitig extrem leicht zu machen. Im Enyaq RS Race kamen diese PowerRibs™ bereits an großen Teilen wie vorderen Kotflügeln, Seitenteilen und Stoßfängern zum Einsatz – mit einer CO₂-Reduktion von rund 85 Prozent gegenüber vergleichbaren Carbonlösungen und Steifigkeit auf ähnlich hohem Niveau.

Aerodynamische Hülle mit klarer Rennfunktion

Nahaufnahme eines türkisfarbenen Rallye-Rads mit OZ Racing Felge und verbreiterter Kotflügelverkleidung am Škoda Enyaq RS Race.
Die aerodynamisch optimierte Rad-Reifen-Kombination und die verbreiterten Kotflügel des Škoda Enyaq RS Race unterstreichen den Rennsport-Charakter. (Foto: Hersteller)

Die verbreiterte Karosserie des Enyaq RS Race ist weit mehr als ein Showeffekt. Serienbleche werden modifiziert, neu zusammengesetzt und funktional auf Racing getrimmt. Die deutlich breiteren Radläufe nehmen eine aerodynamisch optimierte 20-Zoll-Bereifung mit Niederquerschnittsgummis auf, dazu kommen Lüftungsöffnungen in den Radkästen, um den Luftstrom zu führen und die Bremsen zu kühlen. Vorn tragen überarbeitete Stoßfänger Luftvorhänge, hinten lenkt ein neu geformter Diffusor den Unterbodenstrom und erhöht so den Anpressdruck.

Auf dem Dach sitzen ein NACA-Lufteinlass, der Luft ins Fahrzeug leitet, und kleine Winglets, die den Luftstrom gezielt auf den Heckflügel führen – ganz wie bei einem Rallyeauto, das sowohl Fahrer als auch Technik im Grenzbereich versorgen muss. Ein großer Heckflügel sorgt für Stabilität bei hohem Tempo. Unter dem Fahrzeug schützen Skidplates den Unterboden und vor allem das Batteriepaket vor Kontakt mit Bodenwellen oder Schotterpassagen, ein typisches Motorsport-Detail, das zeigt, wie ernst die Offiziellen das Rennprogramm nehmen.

Innenraum: Fabia RS Rally2 als Vorbild

Der Innenraum des Enyaq RS Race entfernt sich weit von der Serienanmutung und orientiert sich deutlich am Fabia RS Rally2. Statt Komfortdomänen dominiert Funktion: Atech-Rennschalen mit Sechspunktgurten, Türfüllungen mit Sicherheitsstrukturen und eine integrierte Feuerlöschanlage, die sich bei Bedarf automatisch aktiviert. Der Überrollkäfig aus hochfestem Chrom-Molybdän-Stahl bildet das Sicherheitsrückgrat des Fahrzeugs und sorgt für zusätzliche Steifigkeit der Karosserie – ein weiterer Baustein für präzises Handling.

Das Lenkrad entspricht einem echten Rennkranz aus dem Rallyesport, ergänzt um eine überarbeitete Bedienlogik. Die Infotainment-Einheit wird funktionalisiert: Zusatzschalter übernehmen die Rolle eines Kommandostands für Fahrmodi, Energie- und Temperaturmanagement. Der Fahrwahlschalter sowie das Bedienfeld der Feuerlöschanlage sitzen griffgünstig zwischen den beiden Sitzen. Die Lenkung selbst arbeitet elektrisch-linear mit einer auf den Rennbetrieb optimierten Übersetzung und softwareseitig einstellbarer Unterstützung – anstelle der progressiven Zahnstangenlenkung des Serienwagens.

Fahrdynamik: unter fünf Sekunden auf 100 km/h

Der Škoda Enyaq RS Race, ein weißes Elektro-Coupé im Renntrimm, fährt sportlich durch eine Kurve, umgeben von rot-weißen Pylonen auf einer Rennstrecke.
Das elektrische Motorsport-Konzeptfahrzeug Škoda Enyaq RS Race in Aktion beim Kurventraining auf abgesperrter Strecke. (Foto: Hersteller)

Antriebsseitig bleibt der Enyaq RS Race seinem Ursprung treu. Zwei Elektromotoren liefern zusammen 250 kW, also rund 340 PS, verteilt auf beide Achsen. In Kombination mit dem abgespeckten Gewicht und der modifizierten Aerodynamik sprintet das Coupé in weniger als fünf Sekunden von 0 auf 100 km/h. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 180 km/h – im Rallye- oder Rundstreckenbetrieb weit mehr als ausreichend, weil dort die Zeit zwischen den Kurven entscheidet, nicht der Topspeed auf der Geraden.

Die Bremsanlage zeigt, wohin die Reise geht: An der Vorderachse arbeiten Zehnkolben-Sättel in Verbindung mit Keramik-Carbon-Scheiben, hinten Vierkolben-Anlagen – ergänzt durch ein neues, auf die Rennbedingungen abgestimmtes Kühlsystem. Ein hydraulischer Rallye-Handbremshebel, lang ausgeführt und kombiniert mit dem Pedallayout des Fabia RS Rally2, erlaubt spektakuläre Lastwechselmanöver. Mechanische Sperrdifferenziale an Vorder- und Hinterachse leiten die Kraft präzise dorthin, wo sie benötigt wird. Das speziell entwickelte Sportfahrwerk erlaubt die individuelle Einstellung von Federrate, Druck- und Zugstufe; so lässt sich das Fahrzeug exakt auf Strecke und Untergrund abstimmen.

Havas-Soundsystem: wenn E-Motoren nach Rennwagen klingen

Ein Elektroauto im Renntrimm wirft unweigerlich die Frage nach dem Sound auf. Beim Enyaq RS Race übernimmt diese Rolle ein Havas-Premiumsystem mit digitalem Verstärker. Es ist deutlich leistungsstärker als die Serienanlage des Enyaq Coupé RS und arbeitet mit größeren Lautsprechern – einem vorn und zwei hinten. Der Klangcharakter lässt sich anpassen und ertönt oberhalb von 30 km/h, um den Fahrer in eine akustische Motorsportkulisse zu tauchen, ohne den Grundcharakter des lokal emissionsfreien Antriebs zu verleugnen.

Das Konzept dahinter ist spannend: Während der Antrieb akustisch zurückhaltend bleibt, entsteht über das Soundsystem eine eigene, kontrollierbare Rennatmosphäre. Anders als bei künstlich erzeugten „Motorgeräuschen“ übernimmt hier eine bewusst gestaltete Klangwelt die Hauptrolle, die Emotionen weckt, aber keinen technischen Selbstzweck erfüllt. Gerade für Motorsportfans, die mit Verbrennersound aufgewachsen sind, kann diese Brücke zwischen Tradition und Zukunft ein Schlüssel zur Begeisterung für radikal andere Antriebskonzepte sein.

Von der Rennstrecke auf die Straße: Ideen mit Serienpotenzial

Der Enyaq RS Race steht nicht isoliert im Raum. Er knüpft an die Geschichte der Baureihe an: Der Enyaq iV feierte seine Weltpremiere am 1. September 2020 als erstes Škoda-Modell auf der MEB-Plattform des Konzerns, mit bis zu 500 Kilometern Reichweite nach WLTP. 2024/2025 folgte ein Facelift mit moderaten Designanpassungen im Stil der Modern-Solid-Formensprache und technischen Updates. Die aktuellen RS-Modelle bieten 250 kW, beschleunigen in etwa 5,5 Sekunden auf Tempo 100 und ermöglichen als Enyaq RS Coupé rund 547 Kilometer Reichweite (WLTP) sowie Schnellladen mit bis zu 175 kW Gleichstrom von 10 auf 80 Prozent in etwa 28 Minuten.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, worum es beim Enyaq RS Race wirklich geht: Er dient als rollendes Versuchslabor. Flachs-Biokomposite, PowerRibs™-Strukturen, recyclingbasierte 3D-Druckteile aus Nylon und CO₂-neutralen, biologisch abbaubaren Filamenten – all diese Technologien testen im harten Motorsportalltag, was später den Weg in die Serie finden kann. Der Reiz dieses Autos liegt damit nicht nur in seiner brutalen Optik oder den beeindruckenden Fahrdaten, sondern im Versprechen, dass nachhaltige Materialien und kompromisslose Fahrdynamik sich nicht ausschließen müssen, sondern sich gegenseitig beflügeln können.

Bilder: Hersteller