
Wenn Automarken ihre Geschichte feiern, endet das oft in nostalgischen Retro-Zitaten. Beim neu interpretierten Skoda 110 R läuft es anders. In einer Designreihe, in der historische Modelle der Marke völlig neu gedacht werden, entsteht ein Elektro-Sportcoupé für eine junge Generation – und zwar ohne sich in nostalgischen Formen zu verlieren. Der Fokus liegt auf einer frischen, modernen Formensprache, die trotzdem die DNA des Originals spürbar macht.
Die Designvorgabe: ein komplett neues Sportcoupé im aktuellen „Modern Solid“-Stil der Marke, das die Charakterzüge des 110 R von einst nur subtil aufgreift. Kein bewusstes Retro-Design, kein Versuch, die Vergangenheit zu kopieren. Stattdessen wird ein eigenständiges, stark geometrisches Fahrzeug gezeichnet, das die Eleganz des historischen „Erko“ in die elektrische Gegenwart übersetzt. Das Ergebnis ist ein Brückenschlag zwischen Motorsport-Erbe und alltagstauglicher Eleganz, gedacht für Fahrerinnen und Fahrer, die mit beiden Welten etwas anfangen können.
110 R: Vom Ostblock-Coupé zur Kultfigur

Um die Neuinterpretation zu verstehen, lohnt ein Blick zurück. Der ursprüngliche Skoda 110 R rollte von 1970 bis 1980 im Werk Kvasiny vom Band. Technisch basierte er auf der Skoda-110-Limousine, setzte aber als zweitüriges Coupé mit Heckmotor und Hinterradantrieb ein eigenständiges sportliches Statement. Unter der Heckklappe arbeitete ein 1,1-Liter-Vierzylinder mit 1.107 cm³ Hubraum, gekoppelt an ein Viergang-Schaltgetriebe. Mit rund 45,6 kW Leistung, also etwa 62 PS, und einem Leergewicht von nur etwa 880 Kilogramm erreichte der 110 R eine Spitze von ungefähr 145 km/h – damals respektabel.
Sein Spitzname „Erko“ steht bis heute bei Fans für bezahlbare Sportlichkeit und ein eigenständiges Design. Der 110 R war nicht nur ein Straßencoupé, sondern auch eine Basis für den Motorsport. Aus ihm gingen Sportableger wie der Prototyp 200 RS sowie der 130 RS hervor. Letzterer, mit 1,3-Liter-Motor und rund 96 kW (130 PS) sowie etwa 220 km/h Spitze, erhielt den Beinamen „Porsche des Ostens“. In Rallye und Rundstrecke wurde der 130 RS zum Symbol für das, was mit cleverer Technik und niedrigem Gewicht möglich war.
Exportstar mit Nachfolgern und langer Tradition

Der 110 R war zudem ein Exportschlager: In manchen Jahrgängen wurden von rund 6.000 gebauten Einheiten etwa 93 Prozent ins Ausland geliefert. Insgesamt entstanden bis Ende 1980 exakt 57.085 Exemplare. Damit prägte das Coupé das Bild der Marke in vielen Märkten. Die Coupé-Tradition ging anschließend weiter – mit dem Skoda Garde (1981–1986) und dem Rapid (1984–1990), die beide ebenfalls mit Heckmotor arbeiteten. Skoda und das Konzept des bezahlbaren, sportlichen Coupés – das gehört historisch zusammen.
Gerade deshalb ist es bemerkenswert, dass die aktuelle Neuinterpretation des 110 R nicht den einfachen Weg geht. Statt die alten Formen leicht modernisiert wiederaufzulegen, zielt die Studie auf eine neue, kantige und klar definierte Silhouette. Die Karosserie verzichtet auf weiche, organische Rundungen und setzt auf scharf geschnittene Flächen. Diese Geometrie erzeugt eine Spannung, die zur Idee eines elektrischen Sportcoupés passt: progressiv, reduziert, konzentriert.
Modern Solid: Klarheit, Kante und Motorsport-Gene

Die Karosserie des neuen 110 R-Konzepts wirkt aufgeräumt, fast schon puristisch. Die Gestaltung folgt der „Modern Solid“-Designsprache, die auf klare Volumen, Ruhe in den Flächen und funktionale Details setzt. Trotzdem bleibt der Motorsport nie weit entfernt. Breite, ausgestellt wirkende Radläufe erinnern an Rennfahrzeuge, ein integrierter Überrollkäfig im Innenleben unterstreicht den fahrdynamischen Anspruch, und die zentral verriegelten Felgen zitieren die Technik von Rennwagen.
Eine Reminiszenz ist das gerippte Muster auf der Motorhaube. Diese Struktur spielt auf den Skoda 130 RS an, die Rennmaschine, die auf dem 110 R basierte und die Marke in der Rallye-Welt bekannt machte. Hier entsteht eine feine Verbindung: Ein hochmodernes Elektro-Coupé trägt ein kleines Designdetail, das Liebhaber mit einer erfolgreichen Rennikone verknüpfen.
Tech-Loop statt Rundscheinwerfer

Wer nach den klassischen Rundscheinwerfern des historischen Coupés sucht, wird sie an der Neuinterpretation nicht finden – und das ist bewusst so. Stattdessen verbirgt sich das Lichtsystem zunächst komplett. Die Scheinwerfer liegen unter verschiebbaren Abdeckungen, die sich nur bei Bedarf öffnen. Sichtbar wird dann eine neue Lichtsignatur, der sogenannte „Tech-loop“. Anstelle von runden Leuchten formt diese Grafik eine moderne, technikbetonte Frontansicht, wie sie bereits bei der Studie Vision O angedeutet wurde.
Zwischen den Lichtmodulen sitzt eine kontrastierende schwarze Frontfläche. Sie beherbergt Sensoren, vertikal angeordnete LED-Tagfahrlichter und ein illuminiertes Skoda-Logo. Der Verzicht auf einen großen Kühlergrill – dank Elektroantrieb ist er nicht nötig – erlaubt eine glatte, aerodynamisch saubere Front. Auch die übrigen Anbauteile folgen dieser Logik: Dunkel abgesetzte Elemente an Frontspoiler, Seitenschwellern und Heckdiffusor schaffen optische Tiefe, ohne die Flächen zu überladen.
Eine Ikone der Details: das Licht als neue Markenhandschrift

Gerade die Lichtinszenierung ist ein faszinierendes Detail dieser Studie. Statt Chrom und Zierleisten arbeitet das Design mit leuchtenden Markenemblemen. An Front und Heck steht jeweils ein eigenständig illuminiertes Skoda-Logo im Mittelpunkt. Am Heck ist es alleinige Hauptfigur der Rückansicht – kein klassischer Schriftzug, keine verschnörkelten Linien, sondern eine klare, leuchtende Signatur.
Sogar die aerodynamischen Radabdeckungen tragen Markenlogos, ebenso die hinteren Seitenscheiben. So wird das Fahrzeug in der Nacht zu einer rollenden Lichtskulptur, ohne ins Spielzeughafte abzudriften. Licht wird hier zur Markenhandschrift, zur Bewegungsskulptur, die sowohl im Stand als auch in Fahrt technisch und modern wirkt. Für eine Marke mit so viel Historie ist das ein Schritt: Statt im Retro-Glanz alter Embleme zu schwelgen, wird eine neue, digitale Art der Präsenz geschaffen.
Kameras statt Spiegel und ein funktionaler Lufteinlass
Konsequent futuristisch geht es bei den Details weiter. Klassische Außenspiegel fehlen, ihre Funktion übernehmen kleine Kameramodule. Sie reduzieren den Luftwiderstand, verbessern die Sicht nach hinten und fügen sich unauffällig in die klare Seitenlinie ein. Eine solche Lösung hätte im Rallye-130-RS-Zeitalter noch wie Science-Fiction gewirkt – heute ist sie Ausdruck eines Wandels, in dem Aerodynamik und Effizienz mindestens so wichtig sind wie reine Motorleistung.
Die Technik unterm Blech ist rein elektrisch. Interessant ist dabei ein Element, das auf den historischen 110 R verweist: Unterhalb des hinteren Seitenfensters sitzt ein funktionaler Lufteinlass. Beim Original diente die Öffnung der Versorgung des Heckmotors mit Frischluft. In der Neuinterpretation könnte sie eine neue Rolle übernehmen – zur Kühlung des Batteriepakets. Diese Umdeutung eines altbekannten Designelements erzählt die Geschichte des Technologiewandels: Wo einst Verbrenner-Luft ansaugte, fließt heute Kühlluft für Hochvoltzellen.
Designer mit Benzin im Blut und digitalem Werkzeug
Verantwortlich für diese Neuinterpretation ist Designer und Digitalmodellierer Richard Švec. Seine Laufbahn führte ihn über ein Produktdesign-orientiertes Gymnasium zum Studium des Transportation Design an der Akademie der bildenden Künste in Bratislava. Während dieser Zeit sammelte er Praxiserfahrung bei einem Sommerpraktikum bei Italdesign in Turin.
Seit 2023 arbeitet Švec bei Skoda, seit 2024 im Digitalmodelling-Team des Konzerns. Seine persönliche Geschichte passt zu diesem Projekt: Schon als Kind zeichnete er Autos und verfolgte gemeinsam mit der Familie die Formel 1. Die Begeisterung für Motorsport und Formensprache fließt hier in ein digitales Zeitalter hinüber. Der 110 R als Elektro-Studie ist somit auch ein Porträt einer neuen Designer-Generation, die mit Gigabyte statt Zeichenbrett arbeitet, aber die Faszination mechanischer Ikonen noch im Herzen trägt.
Zwischen Vergangenheit und Zukunft: Warum diese Studie wichtig ist
Der neu gedachte Skoda 110 R ist bewusst kein Serienversprechen. Die gesamte Designreihe, in die er eingebettet ist, versteht sich als kreative Hommage an Ikonen der Markengeschichte, nicht als Vorbotin konkreter Modelle. Und doch zeigt diese Studie, wohin die emotionale Reise der Marke gehen kann. Ein Elektro-Sportcoupé, das weder seine Wurzeln verleugnet noch in Nostalgie verfällt, sondern Motorsport-Gene, moderne Technik und eine neue Licht- und Formensprache zusammenführt, markiert einen Weg.
Vor allem Demonstratoren wie dieser halten ein Versprechen ein: Auch im elektrischen Zeitalter bleibt Auto-Mobilität mehr als bloße Fortbewegung. Sie kann weiterhin Geschichten erzählen – von leichten Heckmotor-Coupés aus Kvasiny, von Rallye-Erfolgen des „Porsche des Ostens“, von Exportrekorden und von einer neuen Designer-Generation, die diese Erinnerungen in Pixel, Flächen und Licht übersetzt. Die Neuinterpretation des Skoda 110 R zeigt, wie lebendig die Faszination Automobil bleiben kann, wenn Tradition nicht kopiert, sondern weitergedacht wird.
Bilder: Hersteller



