Manchmal verdichtet sich die Seele des Motorsports in einem einzigen Auto. Der 1964 Merlyn Mk4A ist so ein Fall: gebaut von Colchester Racing Developments in Essex, früh in die USA exportiert, auf den Westküsten-Strecken der SCCA geschärft – und später in Goodwood zum vertrauten Anblick geworden. Heute steht dieses Auto mit der Chassisnummer 36RS in Northamptonshire, bereit für den nächsten Auftritt. Es ist für den historischen Rennsport umfassend anerkannt, inklusive FIA Historic Technical Passport bis Ende 2026. Bemerkenswert wirkt die angegebene Laufleistung von 0 Kilometern: ein symbolischer Nullpunkt für ein Auto, das Geschichte atmet.
Rennsport-Wurzeln zwischen Essex und Kalifornien

Der Ursprung dieses Merlyn liegt im innovativen Geist von CRD, jener kleinen, fokussierten britischen Schmiede, die 1964 ein kompaktes, drahtiges Sportprototypen-Chassis auf die Räder stellte. Als Neuwagen ging der Mk4A direkt in die Vereinigten Staaten, wo er im SCCA-Kosmos der Westküste eingesetzt wurde. Als Erstbesitzer wird Bud Kemp genannt – ein Detail, das die Serie jener Privatfahrer spiegelt, die in den 1960ern mit Talent, Werkzeugkasten und Leidenschaft den Ton angaben. Dann verschwand der Wagen aus dem Rampenlicht, um 2010 als bare chassis, als echter Scheunenfund, wieder aufzutauchen. Wie eine fotografische Dunkelkammer ließ diese Zwischenzeit die Konturen schärfer zurückkehren: Hier stand kein anonymes Relikt, sondern ein Zeitzeuge, bereit für eine zweite, sorgfältige Geburt.
Sorgfalt bis ins Blech: die große Wiederauferstehung

Die Rückführung nach Großbritannien übernahm der renommierte Historik-Spezialist Richard Taylor (Autotune Rishton). Zunächst wurde das Chassis mit Flugzeug-Aluminium neu beplankt – eine Entscheidung, die Präzision und Authentizität verbindet. Die Identität bestätigte Clive Hayward, Eigentümer von Colchester Racing Developments. Von dort kamen auch Karosserie im Original-Spezifikationsstand, Achsschenkel, Querlenker und weitere Fahrwerkskomponenten. Verkauft als teilrestauriertes Projekt, brachte ein britischer Clubracer den Mk4A schließlich auf vollen Wettbewerbsstandard. Später – im Zuge der 2024er-Überarbeitung durch Michael und Andrew Hibberd – wurden identifizierte strukturelle und mechanische Themen ohne Kompromisse behoben: Überrollstruktur, Lenkspalten-Ausrichtung, Bremsen, Motorkomponenten sowie die Montage von Pedalträger und Lenkgetriebe. Genau diese pedantische Liebe zur Substanz unterscheidet ein schönes Projekt von einem ernsthaften Rennwagen. Der 1964 Merlyn Mk4A ist eindeutig Letzteres.
Lotus-Ford Twin Cam: 1,6 Liter, 180 bhp – reines Fieber

Herzstück ist ein periodenkorrekter Lotus-Ford-Twin-Cam mit 1,6 Liter Hubraum. Bei Craig Beck Racing (Suffolk) wurde er komplett neu aufgebaut: Kurbelwelle, Zylinderkopf, Kolben, Pleuel, Ölpumpe und Anbauteile – alles frisch, dokumentiert von Rechnungen im Wert von 17.000 £. Auf dem Prüfstand stehen 180 bhp an, also rund 134 kW beziehungsweise etwa 183 PS. Seitdem sammelte das Aggregat ungefähr zehn Stunden Fahrzeit auf der Rennstrecke – gerade genug, um frei zu atmen. Ein überholtes Hewland-Fünfganggetriebe von Racing Transmissions (Silverstone) überträgt die Kraft, ein zweiter Satz Übersetzungen liegt bei. GSD RaceDyn zeichnete Setup-Bericht und Datenfile. Faszinierend ist, wie dieser Twin Cam seine Leistung entfaltet: biegsam aus der Mitte, nervös willig am oberen Ende, mit jener schneidenden Klarheit im Klang, die analoge Fahrerlebnisse so süchtig macht.
Goodwood, Guards Trophy und die nasse Feuerprobe
Sein Neustart auf großer Bühne gelang 2016 beim Goodwood Revival im Madgwick Cup: Platz 13 – ausgerechnet im strömenden Regen, wo Präzision und feines Gespür zählen. Danach wechselte der Wagen zu einem Sammler nahe München, der den Merlyn ausschließlich für Testtage nutzte – ein schonender, aber lebendiger Einsatz. Im Dezember 2023 kehrte der Mk4A ins Vereinigte Königreich zurück. Die Saison 2024 prägten vier Läufe der HSCC Guards Trophy, betreut vom Besitzer und von Andrew Hibberd; im Silverstone-Finale hielt der Wagen das Tempo eines führenden Lotus 23B – ein starkes Statement. 2025 folgten vier Solo-Einsätze des aktuellen Eigners, ehe dieser, inzwischen in den 70ern, den Entschluss fasste, den Merlyn abzugeben: Die Pace überstieg das gewünschte Maß.
Bereit für die großen Spielwiesen des historischen Sports
Der 1964 Merlyn Mk4A ist für eine ganze Reihe prominenter Serien startberechtigt: HSCC Guards Trophy, Masters Sports-Racing Series, Peter Auto Sports-Racing Series und die Equipe Pre-’66 Championship. Goodwood Revival? Mehrfach, einschließlich 2025. Zusätzlich winkt ab 2026 der neue HSCC Twin Cam Cup – ein ideales Habitat für leichte, leistungsstarke Sportprototypen der Ära. Zum Paket gehören zwei Radsätze, ein periodenkorrekter Ersatz-Motorblock (1,6 Liter) sowie Teilformen der Karosserie. Frisch montierte Bremsbeläge und neue Reifen unterstreichen die Einsatzbereitschaft. Der Wagen kommt mit vollständiger Dokumentation aus Rechnungen, Setups und Fotos – ein Archiv, das Historie, Technik und Entwicklung nachvollziehbar macht. Technisch bleibt er ein puristischer Handwerker: manuelles Getriebe, klar definierte Mechanik, ein Fahrwerk, das ehrlich kommuniziert und Vertrauen spendet.
Warum gerade dieses 1964 Merlyn Mk4A fasziniert
Die Summe seiner Eigenschaften macht den Reiz aus: Goodwood-Erfahrung, periodenkorrekte Technik, behutsam erneuerte Substanz und ein frischer, kräftiger Twin Cam, der seine rund 183 PS mit jener Transparenz liefert, die moderne Autos oft überdecken. Dazu ein überholtes Hewland, sorgfältige Abstimmarbeit und die kleine, aber feine Liste an Beigaben – von Übersetzungen bis zu Ersatzteilen. Der 1964 Merlyn Mk4A steht als fahrbares Archiv, ein leichtfüßiger Auszug aus der Ideallinie der 1960er. Wer Mobilität als lebendige Kultur versteht, erkennt hier ein seltenes Gleichgewicht aus Authentizität und Wettbewerbsfähigkeit. Und vielleicht beginnt die nächste Runde genau jetzt – mit einer warmen Boxengasse, einer roten Startlampe und einem kurzen Atemholen vor dem Losfahren.
Bilder: Anbieter des Fahrzeuges
FAQ
1) Was macht gerade dieses Chassis (36RS) historisch so „wertvoll“ – mehr als nur ein hübscher 60er-Jahre-Prototyp?
Der Reiz liegt in der Kombination aus nachweisbarer Biografie und klarer technischer Identität. Dieses Auto wurde 1964 von Colchester Racing Developments aufgebaut, früh in die USA exportiert und im SCCA-Umfeld an der Westküste bewegt – also dort, wo private Fahrer Sportprototypen wirklich „geschärft“ haben. Dass der Wagen 2010 als reines Chassis wieder auftauchte, ist typisch für echte Zeitzeugen: nicht perfekt konserviert, aber authentisch. Die Rückführung und Wiederbelebung mit Originalteilen sowie die Bestätigung durch CRD-Eigentümer Clive Hayward schaffen eine glaubwürdige Linie zwischen Vergangenheit und Gegenwart – entscheidend im historischen Rennsport.
2) Wie „rennready“ ist der Merlyn Mk4A tatsächlich, und welche Nachweise sprechen für reale Einsatzfähigkeit statt nur Showroom-Glanz?
Vieles deutet auf praktische Einsatzbereitschaft hin: Der Lotus-Ford Twin Cam wurde bei Craig Beck Racing vollständig neu aufgebaut und per Rechnungen dokumentiert; mit rund 180 bhp ist er nicht nur periodenkorrekkt, sondern auch leistungsstark. Nach dem Aufbau hat der Motor etwa zehn Stunden Rennstreckenzeit gesammelt – genug für Funktion, ohne schon „alt“ zu sein. Dazu kommt ein überholtes Hewland-Fünfganggetriebe, inklusive zweitem Übersetzungssatz, sowie Setup-Bericht und Datenfile von GSD RaceDyn. Frische Bremsbeläge und neue Reifen zeigen: Hier ging es nicht um reine Optik, sondern um Startfähigkeit mit nachvollziehbarer Vorbereitung.
3) Für wen lohnt sich der Kauf eher: für den Sammler, den Trackday-Fahrer oder den ambitionierten Historic-Racer – und warum?
Am stimmigsten passt der Mk4A zu jemandem, der Historie nicht nur besitzen, sondern nutzen will. Für reine Sammler ist er interessant, weil Dokumentation, Goodwood-Historie und Beigaben (zweiter Radsatz, Ersatzblock, Karosserieformen) den „Archivar“-Gedanken bedienen. Trackday-Fahrer profitieren von der frischen Technik, müssen aber akzeptieren, dass das Auto aus einer Rennlogik heraus lebt: laut, direkt, kompromisslos. Der größte Mehrwert entsteht für Historic-Racer, denn die breite Serien-Einsatzfähigkeit (HSCC, Masters, Peter Auto, Equipe) plus FIA Historic Technical Passport bis Ende 2026 reduzieren Hürden. Es ist ein Auto für Menschen, die Startnummern wichtiger finden als Stillstand.



