
In Mladá Boleslav öffnet sich derzeit ein faszinierendes Kapitel der Automobilgeschichte: Eine neue Ausstellung mit 23 historischen Fahrzeugen zeigt die Wurzeln der Marke Škoda – und das auf authentische Weise. Die gezeigten Fahrzeuge sind größtenteils in dem Zustand erhalten, in dem sie in Scheunen und Garagen entdeckt wurden. Keine polierten Museumsstücke, sondern Zeitkapseln, die den Geist vergangener Jahrzehnte atmen.
Die Schau konzentriert sich auf Fahrzeuge aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und macht damit gut 130 Jahre Markenhistorie erlebbar. Vom ältesten Exponat, einem L&K Sd aus dem Jahr 1913, bis hin zum jüngsten Modell, einem Škoda Rapid OHV von 1948, spannt sich ein Bogen durch eine Epoche, in der Automobilität vom Luxusgut zum alltagstauglichen Verkehrsmittel wurde. Wer sich für die Entwicklung von Technik und Form interessiert, erlebt hier eine fast lückenlose Erzählung in Blech, Stahl und Ölgeruch.
Eine Fabrikhalle als Zeitmaschine

Der besondere Reiz dieser Ausstellung liegt im Ort: Sie ist in einer originalen Fabrikhalle aus dem Jahr 1906 untergebracht, im Werkskomplex als Gebäude V4 bekannt. Ab 1907 arbeiteten hier ein Schmiedehämmerwerk und eine Metallfertigung. Wo einst ein dampfgetriebener Schmiedehammer im Takt der Industrialisierung schlug, stehen nun automobile Zeugen der Vergangenheit.
Die Halle selbst ist Teil der Inszenierung: Der Boden wurde erneuert, doch die historischen Dachbinder und eisernen Stützen sind erhalten. Sie tragen nicht nur das Dach, sondern auch die Atmosphäre eines frühen Industriezeitalters. Drei hohe Schornsteine stehen noch immer als stumme Überreste jener Zeit. Diese Kulisse macht die Ausstellung zu einem Gesamterlebnis: Nicht nur die Fahrzeuge erzählen Geschichten, auch die Mauern und Balken wurden Zeugen des automobilen Aufbruchs.
Die „alte Fabrik“ als Wiege von Laurin & Klement

Die Ausstellung befindet sich im ältesten Gebäude des ursprünglichen Fabrikareals, das als „alte Fabrik“ bekannt ist. Hier bauten die Firmengründer Václav Laurin und Václav Klement die Produktion aus, um der wachsenden Nachfrage gerecht zu werden. Wo sich heute Besucher durch die Reihen patinierter Klassiker bewegen, befanden sich einst Schmiede, Dampfhämmer, Lackiererei und Motorenprüfstand.
Besonders reizvoll ist, dass mehrere der ausgestellten Laurin-&-Klement-Fahrzeuge tatsächlich in dieser Halle gefertigt wurden. Damit steht das Publikum buchstäblich in jener Werkhalle, in der die Modelle einst entstanden. Dieser räumliche Bezug lässt die Frühzeit der Marke eindringlich erleben.
Patina statt Perfektion: Automobile im Fundzustand

Der Ansatz der Ausstellung verweigert sich der Perfektion. Die meisten Fahrzeuge werden so gezeigt, wie sie gefunden wurden: mit stumpfem Lack, rissigem Leder und Spuren eines bewegten Autolebens. Genau darin liegt der Reiz: Die Patina erzählt von Besitzern, Fahrten und historischen Umbrüchen.
In dieser Umgebung gewinnen Details an Bedeutung – eine handgezogene Zierlinie oder ein improvisierter Umbau. Die Ausstellung zeigt, dass Mobilität ein Spiegel der Gesellschaft war: Fahrzeuge aus den 1920er- und 1930er-Jahren bezeugen den Aufstieg der individuellen Fortbewegung, Nutzfahrzeuge den Wandel von Handwerk und Handel, und Modelle der 1940er-Jahre den Neustart nach dem Krieg.
Stars der Sammlung: Vom Monte-Carlo-Roadster zum Rapid OHV

Besonders auffällig ist ein Škoda Popular Monte Carlo Roadster Deluxe, der nahezu im Originalzustand erhalten ist. Spuren des blau-grauen Metalliclacks sind auf der Motorhaube noch erkennbar – jenes Finish, das 1936 auf dem Prager Autosalon präsentiert wurde. Speziell für diese Messe gebaut, stand der Roadster neben dem Škoda Popular Monte Carlo Coupé – ein Duo, das Eleganz und sportliche Ambitionen der Marke verkörperte.
Nach Jahrzehnten in privater Hand kehrte der Roadster vor rund fünf Jahren nach Mladá Boleslav zurück. Nun ist er wieder vereint mit seinem Coupé-Gegenstück, und das in dem Werk, in dem beide entstanden. Diese Wiederbegegnung macht erfahrbar, wie Orte und Objekte in der Automobilgeschichte verwoben sind.
Die Geschichte des L&K Škoda 110 Coupé

Ein weiteres Highlight ist der L&K Škoda 110, dessen Lebenslauf wie ein Roman wirkt. 1928 verließ er als offenes Modell die Werkshallen, zunächst im Besitz eines Herrn aus Český Krumlov. Später wechselte der Wagen nach Prag zu Miloš D. Zelenka, der einen Modesalon führte. 1933 ließ Zelenka die Karosserie in Jihlava zum Coupé umbauen – wahrscheinlich als Fahrzeug für seine Frau.
Diese Wandlung spiegelt gesellschaftliche Strömungen: Automobilität wurde Bühne für Lebensstil und Status. 1973 fand der Wagen seinen Weg in die Museumsbestände. Heute steht er in der Halle, in der Geschichten von Besitzern und Konstrukteuren ineinandergreifen und die Grenze zwischen Alltagsgegenstand und Kulturerbe zeigen.
Geführte Zeitreise und Blick in die Zukunft

Der Zugang erfolgt im Rahmen geführter Rundgänge. Ein Museumsexperte begleitet die Besucher etwa 30 Minuten lang und gibt Einblicke in die Geschichten der Fahrzeuge. Die Touren müssen vorab reserviert werden, was eine intime Atmosphäre schafft.
Ab 2026 wird für die Führung ein Zuschlag von 100 Tschechischen Kronen fällig, der zu jeder Art von Museumseintrittskarte addiert wird – umgerechnet rund 4 Euro. Die eröffnete Halle ist der Anfang: 2026 soll ein zweiter Bereich zugänglich werden, mit Prototypen und Konzeptfahrzeugen von den 1950er-Jahren bis heute. Damit spannt das Museum einen Bogen von den Anfängen bis zu visionären Entwürfen.
Fazit
In Mladá Boleslav verdichtet sich in dieser Ausstellung, was Automobilbegeisterte an der Geschichte der Mobilität fasziniert: authentische Fahrzeuge im Fundzustand, präsentiert in einer originalen Fabrikhalle, die selbst Teil der Erzählung ist. Die Schau macht deutlich, dass automobile Kultur aus Geschichten von Menschen, Experimenten und Entwicklungen besteht.
Die Ausstellung führt vor Augen, wie sich Technik und Gesellschaft im ersten halben Jahrhundert des Automobils entwickelt haben – und wie viel davon sich noch heute ablesen lässt. Wer sich für die Herkunft moderner Mobilität interessiert, findet hier eine Gelegenheit, der Vergangenheit zu begegnen. Der geplante zweite Ausstellungsteil schlägt die Brücke zu Konzepten von morgen. Der Zuschlag von etwa 4 Euro ab 2026 sichert den geführten Zugang.
Bilder: Hersteller



