Wenige Autos der 1970er haben sich so tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt wie der Lotus Esprit S1. Scharfe Keilform, gläsernes Heck, flache Silhouette – ein Auto wie ein Konzeptfahrzeug für die Straße. Genau an diesem Punkt setzt ein junges Unternehmen aus Großbritannien an: Encor remastert den Esprit S1 als Encor Series 1 und verbindet den radikal klaren Entwurf von damals mit heutiger Performance, Komfort und Fertigungsqualität. Der Anspruch lautet „Bewahrung durch Fortschritt“ – und die technischen Daten zeigen, dass das mehr ist als ein wohlklingender Slogan.
Ikone von gestern, Technik von heute

Der Encor Series 1 bleibt optisch nah am Original der 1970er. Die Oberflächen der von Giorgetto Giugiaro gezeichneten Karosserie wurden behutsam gestrafft, ohne den typischen Keil-Look zu verwässern. Die Proportionen stimmen, die Glaskuppel über dem Motorraum ist erhalten, und selbst die Pop-up-Scheinwerfer sind an Bord – allerdings mit kompakten LED-Projektoren, die das bekannte Gesicht in die Gegenwart holen.
Unter der klaren Formsprache steckt kein Museumsstück, sondern ein überarbeitetes Technikpaket. Basis ist die Identität eines Esprit V8 der späten 1990er-Jahre; die Struktur selbst ersetzt Encor durch eine fortschrittliche Carbon-Monocoque, die Steifigkeit und Präzision steigert. Von dort aus wird alles für die Fahrdynamik Relevante neu gedacht: Motor, Getriebe, Fahrwerk, Bremsen – alles wird zerlegt, verstärkt, feinjustiert. Ziel ist ein Fahrzeug, das sich optisch wie ein Klassiker anfühlt, fahrdynamisch aber an moderne Sportwagen heranrückt.
V8-Turbo mit rund 400 PS und unter 1,2 Tonnen

Herzstück des Encor Series 1 ist der 3,5 Liter große, doppelt aufgeladene Lotus-V8 vom Typ 918. Dieser Motor wird mit geschmiedeten Kolben, neuen Einspritzdüsen, überarbeiteten Turboladern und angepasster Motorsteuerung inklusive elektronischer Drosselklappe auf ein neues Niveau gehoben. Das Resultat liegt bei etwa 400 PS und einem Drehmoment von 475 Nm. In Verbindung mit einem anvisierten Fahrzeuggewicht von unter 1.200 Kilogramm ergibt sich ein Leistungsgewicht, das viele aktuelle Sportwagen in Verlegenheit bringt.
Auf der Straße bedeutet das: Der Sprint von 0 auf 100 km/h soll in etwa 4,0 Sekunden gelingen, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei rund 280 km/h. Werte, die in der Welt der Supersportwagen keine Sensation mehr sind, in Kombination mit dem analogen Charakter und der schmalen Silhouette des Esprit jedoch einen eigenen Reiz entfalten. Für Enthusiasten, die das direkte, leichtfüßige Fahrgefühl klassischer Mittelmotor-Sportwagen lieben, klingt dieser Mix aus moderner Leistung und geringer Masse wie eine passende Alternative zu immer schwerer werdenden Neuwagen.
Mechanische Klarheit: Handschalter, Quaife-Sperre, AP-Bremsen

In Zeiten allgegenwärtiger Doppelkupplungsgetriebe wirkt die Antriebskonfiguration des Encor Series 1 wie eine bewusste Gegenposition. Das überarbeitete Fünfgang-Schaltgetriebe bleibt dem Originalkonzept treu, wird aber verstärkt und mit geänderten Übersetzungen an die neue Leistungsentfaltung angepasst. Eine Zweischeiben-Kupplung sorgt für die nötige Standfestigkeit, während ein Sperrdifferenzial von Quaife für Traktion beim Herausbeschleunigen aus Kurven zuständig ist.
Beim Fahrwerk greifen die Entwickler auf Komponenten zurück, wie sie auch im Esprit Sport 350 zum Einsatz kamen: Bilstein-Dämpfer und Eibach-Federn bilden die Basis, abgestimmt auf ein Mittelmotor-Coupé, das sowohl auf der Landstraße als auch auf Trackdays überzeugen soll. Für die Verzögerung sind große Bremsanlagen von AP Racing zuständig – ein Hinweis darauf, dass hier mit hohen Geschwindigkeiten und intensiver Fahrdynamik gerechnet wird. Wer den Esprit S1 bisher eher als filmisches Stilobjekt im Kopf hatte, bekommt damit ein klares Signal: Der Encor Series 1 versteht sich als Fahrerauto.
Carbonhaut und fein justierte Details

Um das Gewicht niedrig zu halten und die Karosseriestruktur zu modernisieren, setzt Encor auf Karosserie-Teile aus Kohlefaser. Die Außenhaut orientiert sich eng am Original, doch Spaltmaße, Oberflächenqualität und Detaillierung werden auf einen aktuellen Manufakturstandard gehoben. Die Presselandschaft spricht von einer Carbon-Karosserie über einem überarbeiteten Backbone-Rahmen des Esprit V8, während Encor selbst eine „fortschrittliche Carbon-Monocoque“-Struktur beschreibt. Klar ist in jedem Fall: Leichtbau und strukturelle Steifigkeit stehen im Fokus, um das Versprechen von unter 1,2 Tonnen Gewicht und präzisem Handling einlösen zu können.

Die Felgen zitieren gleich zwei Epochen der Esprit-Geschichte: Einerseits erinnern sie an die geschlitzten Felgen der frühen Modelle, andererseits schlagen sie mit einem Layout, das an spätere Fünfspeichen-Designs erinnert, die Brücke zum Sport 350. Zusammen mit den modernen LED-Scheinwerfern ergibt sich ein Bild, das Kenner sofort als Esprit identifizieren, ohne dass sich das Auto in Retro-Spielereien verliert. Es ist eine Form von Weiterentwicklung, die Respekt vor der Vorlage zeigt, anstatt sie zu überzeichnen.
Analoge Seele, moderne Komfortdetails

Im Innenraum bleibt die charakteristische Architektur des ursprünglichen Esprit S1 erhalten: die um den Fahrer gezogene Instrumentenlandschaft und die T-förmige Mittelkonsole. Gleichzeitig werden Materialien und Funktionalität auf ein heutiges Niveau gehoben. Hochwertige Oberflächen, sorgfältige Nähte und präzise bedienbare Schalter sollen den Manufaktur-Anspruch unterstreichen.

Technisch gibt es behutsame, aber sinnvolle Aktualisierungen. Apple CarPlay ist an Bord, sodass sich ein Smartphone unkompliziert ins Fahrzeug integrieren lässt – ein Komfort, auf den auch Puristen im Alltag ungern verzichten. Ein diskret integriertes 360-Grad-Kamerasystem unterstützt beim Rangieren; in einem flachen Mittelmotor-Sportwagen mit eingeschränkter Übersicht ist das weit mehr als Spielerei. Klimaautomatik und Sitzheizung sorgen dafür, dass der Encor Series 1 nicht nur als reiner Schönwetter-Garagenwagen taugt, sondern auch für längere Touren und Reisen mit Komfortreserven gerüstet ist.
Faszinierendes Detail: Die moderne Interpretation der Pop-up-Scheinwerfer

Unter all den technischen Leckerbissen sticht ein Detail besonders hervor: die Umsetzung der Klappscheinwerfer. Streng genommen sind es klassische Pop-up-Einheiten, doch im Inneren arbeiten ultrakompakte LED-Projektoren. Damit werden zwei Welten zusammengeführt, die normalerweise als unvereinbar gelten. Strengere Fußgängerschutzvorschriften und Packaging-Vorgaben haben Klappscheinwerfer praktisch aus der Serienproduktion verbannt. Hier werden sie neu interpretiert, mit zeitgemäßer Lichttechnik, hoher Effizienz und besserer Ausleuchtung als beim Original.
Für Fans klassischer Sportwagen ist das mehr als nur ein nettes Gimmick. Die charakteristische Bewegung beim Öffnen, das plötzliche Auftauchen der Lichtquellen in der Frontpartie – all das gehört für viele zur Faszination dieser Fahrzeuge. Im Encor Series 1 wird dieses Gefühl bewahrt, ohne dass der Fahrer Abstriche bei Lichtleistung oder Zuverlässigkeit in Kauf nehmen muss. Es ist ein Beispiel dafür, wie Encor den Leitgedanken „Bewahrung durch Fortschritt“ umsetzt: Der Charakter bleibt, die Technik wird erneuert.
Exklusivität, Manufakturanspruch und Preis
Der Encor Series 1 ist kein Serienprodukt, das in vierstelligen Stückzahlen vom Band läuft. Geplant ist eine streng limitierte Auflage von 50 Exemplaren weltweit. Jedem Projekt liegt ein später Esprit V8 als sogenannter Donorwagen zugrunde, dessen Identität und Grundstruktur genutzt und umfassend neu aufgebaut werden. Die Fertigung versteht sich als aufwendiger Manufakturprozess, bei dem spezialisierte Partner in Bereichen wie Karbonfertigung, Fahrwerkstechnik, Bremsen und Antriebstechnik eingebunden sind.
Diese Exklusivität und der hohe handwerkliche Aufwand spiegeln sich im Preis wider. Der Encor Series 1 startet bei rund 430.000 britischen Pfund netto, was nach aktuellem Wechselkurs bei etwa 500.000 Euro liegt – zuzüglich Steuern, Optionen und in der Regel unter Einbeziehung eines geeigneten Esprit-V8-Spenderfahrzeugs. Damit positioniert sich der Wagen klar im Segment der hochpreisigen Sammlerfahrzeuge für Kenner, die nicht nur eine Designikone besitzen möchten, sondern sie mit der Fahrdynamik und Technik von heute erleben wollen.
Bilder: Hersteller



