Der 1958 Lister Knobbly Chevrolet ist ein automobilhistorisches Kunstwerk, das die goldene Ära britischer Sportwagen mit amerikanischer Kraft verbindet. Seine markante, geschwungene Karosserie gab dem Modell den Spitznamen Knobbly und macht es zu einem der charaktervollsten Rennwagen der späten Fünfziger. Dieses spezifische Exemplar trägt die Fahrgestellnummer BHL 115 und gilt als eines der am ursprünglichsten erhaltenen Fahrzeuge seiner Art. Es blieb über Jahrzehnte in unveränderter Erhaltung und zeigt eine exquisite, originalgetreue Patina, die seine Geschichte wie eine lebendige Zeitkapsel konserviert. Brian Lister selbst bezeichnete den Wagen als »absolut das erstaunlichste Zeitreise-Auto«, eine Aussage, die das seltene Gefühl erklärt, das ein solches Original hervorruft. Sein Aufbau nutzt einen stählernen Rohrrahmen mit leichten Aluminiumblechen, eine Konstruktion, die Leichtbau und Stabilität verbindet. Die technischen Grundlagen sind klassisch und pur, fokussiert auf Rennleistung.
Technik und Erhaltungszustand

Unter der flachen Haube dieses Knobbly arbeitet ein amerikanischer Chevrolet Small-Block-V8 von rund 4,6 Litern, bestückt mit einem einzigen Holley-Vergaser. Es wird berichtet, dass dieses Aggregat einst als Reserve für ein 1960er Briggs-Cunningham-Corvette-Le-Mans-Projekt diente, was dem Triebwerk zusätzlichen historischen Glanz verleiht. In Kombination mit dem geringen Leergewicht von circa 860 Kilogramm und dem puristischen Viergang-Schaltgetriebe entsteht eine unmittelbare, ungedämpfte Verbindung zwischen Fahrer und Maschine. Die Fahrwerksarchitektur mit Doppelquerlenkern vorne und einer De-Dion-Hinterachse mit zwei Längslenkern sorgt für Präzision im Grenzbereich und ausreichenden Komfort bei historischen Rallyes oder Kurzstreckenrennen. Der Gesamtzustand entspricht der Preservation-Class: unrestauriert, original und deshalb technisch wie optisch authentisch. Dieses Fahrzeug bewahrte über fünf Jahrzehnte eine einzige Besitzer-Geschichte bei J. Stanton Hallinan, einem engagierten Rennfahrer aus New Hampshire mit Streckenrekorden und Leidenschaft.
Historie und Besitzer

Die Historie dieses Knobbly liest sich wie ein Roman der Rennsportwelt. Ursprünglich war das Fahrzeug für Marguerite Clark Boden IV vorgesehen, doch der Verkauf scheiterte; Boden kaufte stattdessen ein anderes Auto bei Carroll Shelby. Das Chassis blieb deshalb in der Obhut von Listers Vertriebsniederlassung an der Ostküste der USA und wurde erst 1962 von J. Stanton ‚Stan‘ Hallinan aus New Hampshire erworben — für damals 5.000 US-Dollar. Hallinan, ein lebenslanges Mitglied des Sports Car Club of New Hampshire (SCCNH) und aktiver Rennfahrer, verzeichnete Streckenrekorde unter anderem in Mount Ascutney in Vermont und Norridgewock in Maine; sein Anteil an der Lebensgeschichte dieses Wagens war eine fünfzigjährige, liebevolle Bewahrerschaft. 1992 bestätigte Brian Lister bei einem Treffen in Lime Rock erneut die außergewöhnliche Originalität des Wagens. Nach Hallinans Tod kam der Wagen 2013 unter den Hammer — ein Fund für Sammler.
Patina als Zeitdokument

Die herausragende Eigenschaft dieses Knobbly ist seine unveränderte, fotografisch dokumentierte Patina: eine Oberfläche, die nicht restauriert, sondern über Jahre hinweg behutsam bewahrt wurde und die Spuren von Einsätzen, Pflege und Zeit sicht- und fühlbar lässt. In der Welt historischer Rennwagen ist dieser Erhaltungszustand selten und wird als Preservation-Class klassifiziert; Sammler schätzen solche Fahrzeuge, weil sie die reine Geschichte des Motorsports konservieren. Die Kombination aus originalen Aluminiumblechen, dem stählernen Rohrrahmen und dem authentischen Motor ergibt ein Gesamtbild, das museale Qualität besitzt und bei historischen Rennen eine Verbindung zur Vergangenheit ermöglicht. Die nahezu unberührte Erscheinung macht das Auto zu einer automobilen Zeitmaschine.
Form trifft Funktion

Die charakteristischen, niedrig profilierten Aluminiumbleche mit den markanten hinteren Backen sind nicht nur ein ästhetisches Statement, sondern Ausdruck funktionaler Rennformgebung. Die ausgeprägten Hauben- und Flankenkonturen lenken Luft und verleihen dem Fahrzeug eine kompakte, windschlüpfrige Silhouette, die bei hohen Geschwindigkeiten Stabilität fördert. Handgeformte Bleche auf einem Rohrrahmen schaffen eine direkte Verbindung zwischen Karosserie und Fahrverhalten: jede Delle, jede Rundung ist Teil eines Kompromisses aus Leichtbau, Kühlung und aerodynamischer Notwendigkeit. In Kombination mit dem kurzen Übersetzungsbereich des Viergang-Getriebes und dem kräftigen Drehmoment des V8 entsteht ein Fahrerlebnis, das eher an frühe Rennstreckenduelle als an entspanntes Cruisen erinnert. Die Kombination aus britischem Leichtbau und amerikanischer Motorenkultur symbolisiert eine Epoche, in der Performance ohne elektronischen Schnickschnack erreicht wurde. Ein Erlebnis, das Sinne und Technik gleichermaßen fordert.
Zwischen Museum und Piste

Für Sammler und Historiker besitzt dieses Knobbly eine besondere Strahlkraft. Sein unrestaurierter Zustand macht es zu einem Lehrstück über Konstruktion, Materialalterung und die Praxis des Rennsports jener Zeit. In Ausstellungen, bei Treffen historischer Rennwagen und in musealen Umgebungen eröffnet ein solches Fahrzeug Gespräche über Authentizität versus Restaurierung. Genau deshalb gilt es als idealer Vertreter der Preservation-Class: Es bietet die Chance, die Entwicklung des Motorsports nachvollziehbar zu präsentieren, ohne die Originalsubstanz zu übermalen. Gleichzeitig erlaubt die technische Integrität aktive Teilnahmen an Gentlemen-Events oder historischen Demonstrationsläufen — nicht als Showcar, sondern als fahrbare Verbindung zu echten Rennhistorien. Dieses Gleichgewicht aus Erhaltungswert und Funktionalität macht die Faszination aus. Viele Enthusiasten sehen in einem solchen Wagen keinen bloßen Sammlergegenstand, sondern eine Möglichkeit, die eigenen Sinne und das Verständnis historischer Technik zu vertiefen.
Ein Traum aus Blech und Motor

Die kulturelle Bedeutung eines solchen Lister Knobbly geht über reine Technikdaten hinaus: Er erzählt von Handwerk, internationalen Rennverbindungen und der Passion einzelner Sammler. Jeder Aspekt — vom Rohrrahmen bis zum einfachen Holley-Vergaser — verweist auf eine Zeit, in der mechanische Klarheit und unmittelbare Erfahrung im Mittelpunkt standen. Für den, der sich für historische Mobilität begeistert, besitzt dieses Exemplar etwas Fast-Mythisches: die Möglichkeit, eine echte Rennseele zu berühren, ohne dass Restaurierungsfrevel die Authentizität auslöscht. Wer davon träumt, einen solchen Wagen zu besitzen, sieht nicht nur ein Fortbewegungsmittel, sondern ein lebendes Kapitel der Motorsportgeschichte. Für Liebhaber ist das Bewahren solcher Originale eine Gabe an die Zukunft der Automobilkultur.
Dieses 1958 Lister Knobbly Chevrolet bleibt ein seltenes Original, das Mobilitätsgeschichte erlebbar macht. Seine beispielhaft geringe Laufleistung unterstreicht den besonderen Erhaltungszustand.
Bilder: Anbieter des Fahrzeuges



